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Das Brett des Karneades


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Brett des Karneades: Mir begegnete das Brett des Karneades zum ersten Mal im zweiten Semester, seitdem regelmässig, zuletzt in meiner Seminararbeit. Für mich ist es ein gutes Modell, über den Begriff „Gerechtigkeit“ nachzudenken – nicht nur bei einem Wein oder Bier, sondern ganz praktisch im Studium. Ich für meinen Teil finde es erschreckend, wie viele Jura-Studenten durchs Studium wandeln und bei der einfachen Frage nach Gerechtigkeit aufgeben oder die Augen verdrehen – blöd nur, wenn die in Klausuren kommt, auch wenn es nur Grundlagenscheine sind.

Hintergrund des Brett des Karneades

Karneades war ein Philosoph, der ein Bild entwickelt: Nach einem Schiffbruch treiben zwei Menschen im Meer, zwischen ihnen ein Brett (eine Planke). Nur einer kann damit überleben, der andere wird ertrinken. Nun schwimmt der erste hin, will sich festhalten – da kommt der zweite, stösst ihn vom Brett. Der zweite überlebt nun, der erste stirbt. Soweit habe ich nichts erzählt, was man (in epischer Breite) nicht auch bei Wikipedia nachlesen kann. Doch ist dies nur ein Teil, nur die Oberfläche des Themas.

Fakt ist, dass quer durch die Rechtskulturen und Zeiten der zweite nicht bestraft wird. Die Frage ist: Warum? Und ist das wirklich gerecht. Es ist eines der Probleme, auf die man keine Antwort finden kann – jedenfalls keine Allgemeingültige. Gleich was ihr tut: Irgendeiner wird immer motzen. Dennoch ist es ein ideales Bild, um eigene Modelle zu prüfen. Es ist ein Extremfall und die Beispiele des (diskutierten) Abschiessens „gekaperter“ Flugzeuge zeigen, dass es ein Extremfall ist, der bis heute durch unsere Rechtsgeschichte geistert.

Keine Angst vor dem Thema „Brett des Karneades“

Viele haben sich daran versucht: Kant wird immer erwähnt. Hegel ist gar nicht übel und den Weg von Jakobs zu verstehen hat mich 1 Woche gekostet. Je mehr man sich damit beschäftigt, umso mehr wird man auf mehr oder midner große Namen stoßen, die Ideen hatten und danach zerlegt wurden. Stört euch nicht an solchen Elfenbeindiskussionen: Jeder kann das Problem handeln und einen eigenen Weg entwickeln.

Was ist Gerecht?

Mein Ziel bei der Arbeit mit diesem Bild des Brett des Karneades war immer, die Frage der Gerechtigkeit in den Griff zu bekommen. Dabei ist die Frage, was denn gerecht ist, alles andere als einfach oder unumstritten. Ich kann und will hier zur Debatte um die Gerechtigkeit nichts schreiben, erwähne aber Namen, die ihr zum Thema lesen solltet: Allem voran natürlich Aristoteles (Nikomachische Ethik, Gerecht ist die Mitte), Locke, zudem Bentham und die moderne Fassung von Rawls. Das tolle ist: Mit allen diesen klugen Köpfen ist das Problem von Karneades nicht annähernd in Einklang zu bringen. Sicherlich über Umwege, aber man merkt schon deutlich, dass da gewisse Grenzen erreicht werden.

Eigene Ansicht: Es ist nicht gerecht

Ich für meinen Teil behaupte, dass heute feststeht, dass das Karneades-Problem in der vorliegenden Fassung nicht gerecht ist. Das deutsche Strafrecht löst es daher richtigerweise auch auf der Schuldebene und nicht auf der Unrechtsebene: Die Tat ist Unrecht. Der Täter ist „nur“ entschuldigt.

Und z.B. Jakobs erklärt dass dann damit, dass die Situation die zubewältigen ist, entweder Zufallsprodukt ist oder man die Schuld dafür einem anderen, etwa dem Kapitän des Schiffes, zuschieben kann. Die Gesellschaft jedenfalls kann es verkraften, wenn der Zweite im obigen Bild nicht belangt wird. Auch ein Ansatz, der zeigt worum es geht: Um die Frage dahinter. Um das „warum“.

Jeder der Lesen kann, findet mit Google und Wikipedia raus, welche Norm einschlägig ist, um den Betroffenen zu entschuldigen. Dafür bedarf es keines Jura-Studiums und man muss nicht mal selber denken – lesen, auswendig lernen, wiedergeben; mehr braucht es nicht. Erst wenn man beginnt, dahinter zu gehen: Warum ist es ein entschuldigender Notstand? Weswegen bietet unser Rechtssystem den und ist das so auch gut, ist es gerecht? Das sind Fragen denen man sich stellen (können) muss. Das Brett des Karneades hilft dabei ein wenig.

Von Gerechtigkeit zu Recht mit dem Brett des Karneades

Wer über Gerechtigkeit nachdenkt, muss über Recht nachdenken. Jedenfalls landet man irgendwann dort – und kommt wieder zum Punkt des „dahinter“. Warum darf sich z.B. eine Gesellschaft (über den Staat) Normen geben? Das ist nicht einfach nur Bierdeckel-Philosophie sondern ein konkretes Problem, etwa wenn man Grenzen für Normen aufzeigen möchte. Die Frage „Was darf der Staat“ ist nicht nur eine alte, sondern gerade in Demokratien sehr moderne. Wer jetzt auf die Verfassung, das Grundgesetz zeigt, muss hilflos mit den Armen rudern, wenn darauf verwiesen wird, ob denn die Verfassung notfalls nach freiem Belieben geändert werden kann. Den Hinweis auf den Artikel 79 GG kann man mit einem Hinweis auf Artikel 146 GG abschmettern. Wieder verbleibt die Erkenntnis: Der Wortlaut der Norm ist für den Juristen nur ein Einstieg, es gilt schon, weiter zu gehen und zu begreifen was dahinter steht.

Um „das Recht“ zu verstehen muss man sich leider mit zwei Namen herumschlagen, die nicht gerade einfache Texte zu Papier brachten: Hegel und Kant. Ich empfehle dringend (nicht nur weil ich Jakobs mag) einen Blick in die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Es ist eine Schande, dass sie kein Pflichtprogramm in der juristischen Ausbildung ist.

Was bringt dieser Beitrag zum Brett des Karneades nun

Dieser kleine Artikel ist ein Plädoyer, ein Aufruf, nicht nur Schemata und Skripte auswendig zu lernen, sondern auch wenig an den Basics zu arbeiten. Es ist traurig, Juristen zu sehen die mit „Recht“ und „Gerechtigkeit“ nichts anfangen, es nicht erklären oder begreiflich machen können. An der Art, wie man diese (für Scheine und Praxis in der Tat irrelevanten) Themen angeht erkennt man sehr gut, ob da ein Jurist vor einem steht, der Spass an der Sache hat, oder einfach nur eine dieser Anwaltsserien als Vorbild hatte.

Ich habe hier und da ein paar Namen genannt. Es ist zu viel erwartet, dass man hierzu Primärquellen liest – was auch unnötig ist. Konsumiert den Zippelius oder Seelmann. Wer wirklich Spass am Thema findet, der sollte sich defintiv mal mit Rawls näher auseinander setzen und bitte: Merkt euch Luhmann und lest mal was zu seiner Systemtheorie. Werft nicht täglich mit der Äusserung „Das ist ungerecht“ um euch – es gibt Kriterien, die einem bei der Einschätzung helfen können.

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Von Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner

Strafverteidiger und Fachanwalt für IT-Recht im Raum Aachen & Heinsberg. Zudem Systementwickler mit zusätzlicher Fortbildung in IT-Sicherheit und IT-Forensik.
Tätig ausschließlich als Strafverteidiger mit Hilfe im gesamten Strafrecht, speziell bei Cybercrime & Cybersecurity, Arbeitsstrafrecht, BTM-Strafrecht, Jugendstrafrecht, Steuerstrafrecht und Wirtschaftsstrafrecht.

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