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Rechenzentrumsboom in NRW … und die Gesellschaft?

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Wer in Grevenbroich, Bergheim oder Bedburg wohnt, hat in den vergangenen Monaten erlebt, wie schnell aus einer wirtschaftspolitischen Erfolgsmeldung eine Frage nach dem eigenen Alltag wird: Was bedeutet es eigentlich, wenn neben dem Dorf ein Gebäude entsteht, das so viel Strom verbraucht wie eine Kleinstadt, aber kaum jemanden aus der Nachbarschaft beschäftigt.

Microsoft hat seine Rechenzentrumspläne im Rheinischen Revier gerade um einen vierten Standort in Grevenbroich erweitert, nachdem bereits Bergheim, Bedburg und Elsdorf angekündigt worden waren. Insgesamt stehen für die bestehenden Standorte 3,2 Milliarden Euro im Raum, eine Summe, die mit dem vierten Projekt weiter wachsen dürfte. Wie NRW sich damit als KI-Standort positioniert, hat der WDR in seiner Sendung „Neues Microsoft-Rechenzentrum: Wie ist NRW bei KI aufgestellt?“ eingeordnet.

Kehrseite des Strukturwandels

Was auf den ersten Blick wie ein Jobmotor aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als vergleichsweise arbeitsplatzarme Investition: Eine Analyse zur Standortwirkung von Rechenzentren kommt zu dem Ergebnis, dass ein Hyperscale-Rechenzentrum im Regelbetrieb selten mehr als einige Dutzend Arbeitsplätze schafft, wie es etwa in dem Papier „Fakten und Gedanken zur Standortwirkung von Rechenzentren“ heißt. Auch das IW Köln bestätigt in seiner Untersuchung „NRW als KI-Standort: Infrastruktur, Energie und Wertschöpfung„, dass Rechenzentren vor allem auf verlässliche Energie- und Netzinfrastruktur angewiesen sind, während die direkte Beschäftigungswirkung begrenzt bleibt.

Genau dieser Widerspruch treibt inzwischen auch in Deutschland Bürgerinitiativen auf die Straße. Bereits Anfang 2025 ging eine Petition mit über 1.400 Unterstützern beim nordrhein-westfälischen Landtag ein, die sich gegen die Microsoft-Pläne im Rheinischen Revier richtete, wie der Landtag NRW in seiner Meldung „Massenpetition gegen Rechenzentren im Rheinischen Revier“ dokumentiert. Der BUND protestierte im Rahmen einer Microsoft-Veranstaltung in Köln gegen die Rechenzentrumspläne des Konzerns, wie Campact in dem Beitrag „Microsoft verweigert offene Diskussion: Protestaktion in Köln zeigt Widerstand“ schildert.

Bundesweit beobachtet netzpolitik.org, wie sich lokaler Widerstand gegen den KI-Ausbau formiert, etwa in Berlin-Lichtenberg, wo mit dem Projekt „Bluestar“ das bislang größte KI-Rechenzentrum der Stadt entstehen soll, wie der Artikel „Wo sich lokaler Widerstand gegen den KI-Hype formiert“ berichtet. Golem.de fasst die Entwicklung zusammen: Deutschland wolle seine Rechenzentrumskapazitäten massiv ausbauen, doch ausgerechnet im wichtigsten Standortcluster wachse der lokale Widerstand, wie es in „Widerstand gegen Rechenzentren bremst Milliardenprojekte“ heißt.

Strom, Wasser und die Frage der Preise

Die Sorgen der Bevölkerung sind durch Zahlen unterlegt. Eine europaweite Umfrage zeigt, dass eine deutliche Mehrheit in Deutschland befürchtet, der wachsende Ressourcenverbrauch von Rechenzentren könnte Umwelt und Versorgung belasten, wie AlgorithmWatch in „Mehrheit besorgt über Ressourcenverbrauch von Rechenzentren“ berichtet. Die Schweizer Schwesterorganisation ordnet die zugrunde liegende, für fünf Länder repräsentative Erhebung des Marktforschers Savanta ausführlich ein: Acht von zehn Befragten befürworten eine Pflicht für Betreiber, ihren aktuellen und geschätzten künftigen Energieverbrauch samt Energiequellen offenzulegen. Ergänzend fordert AlgorithmWatch in der Analyse „Ressourcenverbrauch von KI: Die Nimmersatt-Industrie und ihre Folgen“ mehr Transparenz und Kontrollmechanismen bezüglich Energie- und Wasserverbrauch von KI-Systemen, und in der Kampagne „Klimaschutz statt KI-Wahn“ verlangt die Organisation eine gesetzliche Pflicht zur individuellen Veröffentlichung des Energie- und Wasserverbrauchs, auch gegenüber Big-Tech-Konzernen. Auch netzpolitik.org kommt in einer Auswertung zu dem Schluss, dass der Wasserverbrauch laut einer Studie der Gesellschaft für Informatik auch in Deutschland zu regionalen Problemen führen könnte.

Dass diese Sorge nicht abstrakt bleibt, zeigt der Blick in die USA. Der Economist beschreibt, wie die geplanten Investitionen einen so großen zusätzlichen Strombedarf erzeugen, dass die amerikanische Stromnachfrage bis 2030 um bis zu 50 Prozent steigen könnte, mit spürbaren Folgen für die Strompreise der Anwohner. In Ohio hat die zuständige Regulierungsbehörde Betreiber verpflichtet, für einen Mindestanteil der beantragten Leistung zu zahlen, selbst wenn sie ihn nicht abrufen, damit nicht die ortsansässigen Stromkunden über steigende Netzentgelte aufkommen müssen. Die Süddeutsche Zeitung ordnet die Proteste in den USA als Quasi-Aufstand ein, während das Tageblatt aus Luxemburg berichtet, wie eine Bürgerinitiative in New Jersey den Bau eines Rechenzentrums tatsächlich verhindert hat, wie es in „In den USA formiert sich KI-Widerstand“ heißt während man sich beim BR fragt ob es mehr Schaden als Nutzen bringt. Der Economist warnt zudem in seinem Leitartikel „The AI backlash is only getting started„, dass die politische Gegenbewegung längst nicht mehr auf einzelne Wählergruppen beschränkt sei.

Beteiligung statt vollendeter Tatsachen

Aus den internationalen Erfahrungen lässt sich ein klares Muster ablesen: Widerstand entsteht dort am stärksten, wo Kommunen und Anwohner erst informiert werden, nachdem Genehmigungen bereits erteilt sind. Mind-Verse beschreibt zudem, wie Aktivisten fordern, Entscheidungen über den Bau von Rechenzentren stärker auf kommunaler Ebene zu treffen und die Bevölkerung frühzeitig einzubinden. Netzpolitik.org schildert in seinem bereits zitierten Beitrag, dass Aktivistinnen Bürgerinitiativen empfehlen, frühzeitig in kommunale Planungsausschüsse zu gehen und über Informationsfreiheitsanfragen Transparenz einzufordern.

Für das Rheinische Revier bedeutet das: Der Strukturwandel von der Kohle zur KI mag politisch gewollt sein, er wird aber nur dann tragfähig, wenn die Region nicht nur die Lasten, sondern auch nachvollziehbare Mitspracherechte erhält. Wo heute noch Spatenstiche gefeiert werden, könnten morgen Ratsbeschlüsse über Wasserentnahmerechte, Netzentgelte und Abwärmekonzepte den eigentlichen politischen Konflikt markieren, und die betroffenen Kommunen täten gut daran, diese Fragen nicht erst zu stellen, wenn die Bagger schon rollen.

Rechtsanwalt Jens Ferner
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