Wir passen in der Kanzlei unseren Alltag an die Hitze an – nicht, weil wir „keine Lust“ haben, sondern weil wir unsere Arbeit ernst nehmen und wissen, wie sehr extreme Temperaturen Konzentration und Urteilsfähigkeit beeinträchtigen. Wer schon einmal versucht hat, bei über 30 Grad einen klaren Gedanken zu fassen, ahnt, was Studien aus Kognitionswissenschaft und Arbeitspsychologie längst belegen: Unser Gehirn arbeitet langsamer, wir sind gereizter, Fehler passieren leichter – gerade bei komplexen Entscheidungen.
Wir merken das hier in unserem Alltag leider gravierend – Mails, die von Mandanten in der Mittagshitze geschrieben werden, sind ständig unstrukturiert; Anrufe laufen viel unsortierter, als wir es sonst ohnehin schon gewohnt sind. Und die Vorstellung, gravierende Rechtsfälle „weil es jetzt sein muss“ bei über 30 Grad nachmittags nach einem anstrengenden Tag zu besprechen ist absurd, wird aber dennoch unreflektiert ständig angefragt (dabei gibt es ja Alternativen).
Ein Teil meiner eigenen Berufsbiografie spielt da hinein: Ich habe im Studium viele Monate in Italien, vor allem auf Sizilien, verbracht. Dort gehört es zum Alltag, dass in der Mittagshitze schlicht nichts Wichtiges entschieden wird – eine Weisheit, die man in unseren Breitengraden vermisst, wo immer noch Mittags bei 30 Grad der Rasenmäher ausgepackt oder gejoggt wird. Allerdings ist dieses Leben kein mediterraner Luxus, sondern ein sehr pragmatisches Lebensmodell: Man steht früh auf, erledigt Anspruchsvolles am Morgen, zieht sich in den heißesten Stunden zurück und wird wieder aktiv, wenn es kühler wird. Dieses Modell funktioniert – und zwar seit Generationen … und wir sollten es schnell lernen, denn wir bekommen hier italienische Verhältnisse.
Hitze in Deutschland: Was wir anders machen
Mit den immer häufigeren Hitzewellen versuche ich, genau diese Erfahrung konsequent in den Kanzleialltag zu übertragen – ergänzt um das, was moderne Forschung zur Arbeitsbelastung bei Hitze sagt. Wenn das Thermometer über 28 Grad klettert, verteilen wir unsere Arbeit deshalb anders:
- Anspruchsvolle juristische Aufgaben und strategische Überlegungen wandern in die frühen Morgenstunden und in den späten Abend, wenn Kopf und Kreislauf verlässlich funktionieren.
- Zwischen etwa 11.30 Uhr und 14.30 Uhr vermeiden wir bewusst kognitiv anstrengende Tätigkeiten und spontane Besprechungen, weil unsere Erfahrung zeigt: In dieser Phase nehmen Missverständnisse, unnötige Konflikte und schlechte Entscheidungen drastisch zu. Ich merke das auch bei Mails, die teils unstrukturiert sind und zu sonst unnötigen Rückfragen Anlass geben.
Das betrifft auch die Kommunikation mit unserer Kanzlei. Unter normalen Bedingungen sind wir sehr früh am Morgen telefonisch erreichbar – ab 5 Uhr, weil gerade im Strafrecht Hausdurchsuchungen und Festnahmen nicht auf „Bürozeiten“ warten. Danach arbeiten wir bevorzugt mit E-Mail und unserem strukturierten Rückruf-System, heisst es geht nur noch eine Ansage am Telefon ran: So bleibt genug Ruhe, um Sachverhalte sauber zu erfassen und sinnvoll zu beraten. In Hitzephasen schärfen wir dieses Modell noch einmal nach: Telefonate werden weitgehend auf die kühlen Randzeiten beschränkt, Besprechungen finden in der Regel nur vormittags statt. Am Nachmittag kommunizieren wir vor allem schriftlich oder in gut geplanten Online-Terminen, die wir gezielt freigeben, wenn es wirklich richtig dringend ist.

Mir ist wichtig, das offen zu benennen: Es geht nicht darum, Mandanten fernzuhalten, sondern darum, Sie in einer Verfassung zu beraten, in der man komplexe strafrechtliche und IT-rechtliche Fragen verantwortungsvoll entscheiden kann. Wer bei 35 Grad im Auto kurz „mal eben“ anruft und einen komplizierten Sachverhalt in drei Minuten geklärt haben möchte, tut sich selbst keinen Gefallen. Wenn wir stattdessen um eine kurze schriftliche Schilderung bitten und den Rückruf in eine kühlere Phase legen, dann dient das am Ende genau einem Ziel: bessere Entscheidungen in Ausnahmesituationen.
In Sizilien ist es selbstverständlich, dass man sich der Natur anpasst, statt so zu tun, als würde einen die Hitze nicht betreffen. Genau diese Haltung brauchen wir auch hier – erst recht in Bereichen, in denen es um Freiheit, Existenzen und langfristige Konsequenzen geht. Deshalb nehmen wir Hitze ernst, passen unsere Arbeitsweise an und kommunizieren offen, warum: Damit wir dann, wenn es darauf ankommt, wach, klar und verlässlich an Ihrer Seite stehen können.
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