Geld verdienen im Netz – Beispiel “Wikio Experts” (Update)

Es gibt ein neues Angebot: “Wikio Experts” – dort können Blogger gegen eine Vergütung (Wikio stellt “5 bis 15 Euro” in Aussicht) Artikel schreiben. Eine schöne Idee, die sicherlich mittelfristig einige Blogger ansprechen wird. Ich nutze die Gelegenheit, um kurz ein paar Zeilen zum Thema “Regeln” zu schreiben.

Der Artikel steht im Zusammenhang mit einem anderen Hinweis – nämlich dass immer zu Bedenken ist, dass auch entsprechende Portale (mittels AGB) eigene “Regeln” festsetzen, die man zu beachten hat:

Bevor man sich auf die Hoffnung auf ein paar Euro stürzt, sollte man sich die AGB der “Wikio-Experts”-Plattform einmal ein Ruhe ansehen – und genau sehen, welche Stolpersteine da warten. Da gibt es nämlich ein paar.

Das erste, was man sich sicherlich fragen wird ist, wie man mit den Inhalten verfahren darf, die man auf der Plattform einstellt – darf man z.B. einen Artikel bei Wikio-Experts publizieren und zugleich (auszugsweise) in sein eigenes Blog stellen? Der Artikel 5.6 hält hier seltsamerweise keine klare Auskunft bereit, wobei es insgesamt seltsam (und m.E. im Ergebnis fragwürdig) ist, dass die Nutzungsrechte an den “verkauften” Inhalten nicht ausdrücklich geregelt sind. Vielmehr findet man nur die Klarstellung:

Der Nutzer garantiert, dass alle Informationen, Daten, Dateien, Filme, Fotografien, Programmen und Datenbanken, die er im Rahmen des Dienstes online stellt, ihm gehören oder lizenzfrei sind.

Dass man einen eingestellten Inhalt – auch auszugsweise – hinterher nicht mehr frei verwenden kann, ergibt sich vielmehr aus Artikel 1 der AGB:

Keiner der Bestandteile der Webseiten […] kann […] weitergegeben oder verbreitet werden, ob teilweise oder komplett, es sei denn, es liegt eine vorherige, schriftliche Zustimmung von Wikio vor.

Da ein selbst erstellter Artikel Teil der Webseite wird, ist damit die Frage geklärt, was zumindest seitens Wikio gewollt – und auch naheliegend – ist. Doch wie sieht es darüber hinaus aus? Wenn man genau hinsieht, findet man z.B. ein Werbeverbot für die eigene Webseite, also außerhalb von “Wikio-Experts” (Artikel 5.4):

Der Nutzer verpflichtet sich, auf seiner eigenen Website keinerlei Anzeige zu veröffentlichen, die auf irgendeine Art für eine Konkurrenzwebsite oder ein Konkurrenzunternehmen von www.wikio-experts.com wirbt.

Der Satz ist gleich in vielerlei Hinsicht schwierig: Zum einen wird man sich fragen müssen, was nun eine “Konkurrenzwebseite” sein soll. Zählt etwa “Yahoo Clever” schon dazu? Und fällt ein normaler Hyperlink schon unter “Anzeige”? Selbst bei dem Punkt “eigene Webseite” – wann liegt die vor? Was ist wenn man mit einem Partner ein Blog betreibt, der dann einen Link zu Yahoo-Clever einbaut? Ist das schon ein Verstoß gegen die AGB, der ggfs. zur Sperrung des Accounts führt?

Besonders Interessant wird es bei den allgemeinen Pflichten des Nutzers, wo in Artikel 5 festgelegt ist

Der Nutzer verpflichtet sich, sicherzustellen, dass die Inhalte seiner Artikel und die Inhalte dessen, was er auf dem Forum schreibt, nicht gegen französische Gesetze und Richtlinien verstoßen […]

Man ist also gehalten, französische Gesetze einzuhalten. Das klingt erst einmal nicht so besonders – kann ja auch nicht so schlimm sein. Oder? Was z.B. hierzulande kaum bekannt ist: Im französischen Zivilrecht ist ein “Recht auf Unschuldsvermutung” gesetzlich normiert. Das ist wie hierzulande im Strafrecht, nur unmittelbar zivilrechtlich bindend auch für die Presse. Man wollte damit in Frankreich die Unschuldsvermutung stärken – andererseits muss derjenige, der sich dem unterwirft als Autor, vorsichtig sein wenn er sich auf den Boden der Verdachtsberichterstattung begibt. Auch die Tatsachenberichterstattung ist in Frankreich etwas anders gestaltet als in Deutschland: Die Franzosen unterscheiden nach privaten, öffentlichen und verstorbenen Personen und arbeiten dann mit speziellen Kriterien (bei privaten Personen etwa wird ein aktuelles Interesse verlangt, bei öffentlichen Personen ein legitimes – schlichte Neugier oder Kommerz schließen beides aus). Das aber nur als Exkurs, fest steht: kaum ein Wikio-Autor wird “die französischen Gesetze” kennen und sich immer auf sicherem Boden bewegen.

Das Ergebnis dieser kurzen Ausführungen: Die Sperrung eines Accounts ist recht schnell möglich. Die nur zwei aufgezeigten Fallstricke sollen keine Angst verursachen oder Kritik am Portal darstellen – vielmehr geht es hier darum, die Augen zu öffnen und klar zu machen, welches Risiko sich hinter AGB verstecken kann, die man nur überfliegt – wenn überhaupt. Dabei geht es gar nicht um rechtliche Konsequenzen, sondern vielmehr muss berücksichtigt werden, wie empfindlich eine Accountsperre sein kann. Wer dann die entsprechende Energie investiert, muss das Risiko der Sperre von vornherein kennen. Die Erfahrung zeigt, dass das nur zu oft unterschätzt wird.

Update: Der Jurist bei Wikio hat sich wohl auf Grund meines hiesigen Beitrags noch einmal mit den AGB beschäftigt und dazu auch eine Stellungnahme verfasst. Ich wurde gebeten, diese hier auf zu nehmen, was ich im Folgenden gerne mache. Dabei muss betont werden, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich ein Unternehmen wie Wikio so mit kritischen Anmerkungen (wobei es mir ja nicht um Kritik an Wikio ging) beschäftigt und diese aufgreift. Hier also nun das Statement des Wikio-Juristen Nicolas Poirier:

“Zuerst einmal danke für Ihr Interesse an unserem Dienst bzw. unseren allgemeinen Nutzungsbedingungen.
Bevor ich näher auf die von Ihnen angesprochenen Punkte eingehe, möchte ich einen wichtigen Aspekt hervorheben: Allgemeine Nutzungsbedingungen beinhalten meistens ziemlich strikte Einschränkungen. Das liegt daran, dass AGB für einen Dienst wie den unseren der beste Weg sind, sich vor ungerechtfertigten Reklamationen zu schützen. Diese Allgemeinen Nutzungsbedingungen sind für den schlimmsten Fall vorgesehen. Wir hoffen, dass dieser Text alle möglichen Situationen abdeckt, und dass für jedes Ereignis eine passende Antwort vorgesehen ist.
Für uns ist das Ganze eine Gradwanderung, da wir einerseits versuchen, uns für das schlimmste Szenario zu wappnen, andererseits aber unseren Nutzern keine übertriebenen Einschränkungen zumuten wollen.

Beim Lesen Ihres Artikels scheint mir, dass wir da vielleicht etwas übereifrig waren. Wir werden daher versuchen, die betroffenen Punkte aufzuklären.

Wie Sie bereits erwähnt haben, möchten wir über Wikio Experts exklusive, von unseren Nutzern verfasste Inhalte veröffentlichen. Für diese Exklusivität zahlen wir den Autoren eine Vergütung. Die Beiträge, die für Wikio Experts geschrieben wurden, dürfen also nicht von anderen Webseiten übernommen werden. Entsprechend möchten wir auch keine Texte online stellen, die ihr Verfasser vorher schon woanders veröffentlicht hat.

In Hinsicht auf den Abschnitt 5.4 unserer Nutzungsbedingungen: Durch die Teilnahme bei Wikio Experts verpflichtet sich der Autor auf keinen Fall, das Schalten von Werbung auf seinem persönlichen Blog in irgendeiner Weise einzuschränken. In diesem Abschnitt soll dem Nutzer lediglich verboten werden, Inhalte mit Werbecharakter im Rahmen des Wikio Experts Dienstes, also auf unserer Webseite zu veröffentlichen. Da ist uns in den AGB leider ein Übersetzungsfehler untergekommen. Wir werden diesen Abschnitt in den kommenden Tagen entsprechend ändern.

Abschließend möchte ich noch auf die Tatsache eingehen, dass unsere Allgemeinen Nutzungsbedingungen dem französischen Recht unterliegen. Unsere Plattform wird in Frankreich herausgegeben und gehostet. Da das deutsche und das französische Recht in vielen Hinsichten nicht allzu verschieden sind, schien es uns ratsam, unsere Richtlinien rund um ein einziges Rechtssystem – das Französische – aufzubauen. Das erspart unseren Nutzern das Jonglieren mit mehreren nationalen Rechtsprechungen.”

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