Schmerzensgeld beim Fußball: Welches Foul wird teuer?

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Beim OLG Düsseldorf (1 O 181/09) hat man sich kürzlich mit einer Verletzung im Rahmen eines Fussballspiels beschäftigt. Das OLG zum Sachverhalt:

Der Kläger, damals 14-jähriger Verteidiger des 1. FC Mönchengladbach, und der Beklagte, 14-jähriger Stürmer der Spielvereinigung Odenkirchen, gerieten bei einem Pokalspiel am 11.10.2008 aneinander. Der Schiedsrichter ahndete das Verhalten des Beklagten mit einer „Gelben Karte“. Der Kläger erlitt einen Oberschenkelbruch und einen zweifachen Unterschenkelbruch. Er musste drei Monate Gehhilfen benutzen und war dann noch drei Monate durch eine Knieschiene eingeschränkt. Die Brüche sind folgenlos verheilt. […] Das Landgericht Mönchengladbach war nach einer Beweisaufnahme davon ausgegangen, dass hier ein grober Regelverstoß und eine unfaire, übermäßig harte oder brutale Attacke vorgelegen haben.

Am 29.09.2011 war der Verhandlungstermin, dabei hat man sich in der Sache auf einen (Widerrufs-)Vergleich geeinigt: Gezahlt werden sollen 1.500 Euro. Da der Kläger ursprünglich 9.500 Euro eingeklagt hatte, wird die Sache für ihn insofern – wenn man keine gesonderte Kostentragungspflicht wegen der Prozesskosten in den Vergleich aufgenommen hat – wahrscheinlich eher unschön werden in der Bilanz.

Manche werden sich aber fragen: Muss man bei Verletzungen nach einem Foul immer Schmerzensgeld zahlen?

Kontaktsport

Nun sieht schon der Laie: Es gibt Sportarten, die sind mit Verletzungen durch andere quasi automatisch verbunden, wie etwa Fußball. Es gibt aber auch Sportarten, da sind Verletzungen durch andere eher selten, man denke nur an Schach. Insofern muss man je nach Sportart zwingend unterscheiden, um dem Alltag gerecht zu werden – ein Fußballspiel, bei dem man nicht mehr nach dem Ball treten könnte, weil man Angst hat den Gegner zu verletzen und auf Schadensersatz in Anspruch genommen zu werden, würde faktisch nicht laufen können.

Gebot der Fairness beachten

Zu Beachten ist dabei aber an vorderster Stelle, dass im Sport – wie übrigens im Strassenverkehr – das Fairnessgebot besteht, das auch von der Rechtsprechung gewürdigt wird, es muss also das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme in jedem fall beachtet werden (OLG Köln, NJW-RR, 1994, S. 1372).

Ursprünglich ging man davon aus, dass derjenige, der an solchen Sportveranstaltungen teilnimmt, in entsprechende Verletzungen einwilligt, so dass ein Anspruch auf Schadensersatz gar nicht begründet wäre. Das ist heute überholt; vielmehr geht man heute davon aus, dass bei der Teilnahme an Sportarten zu denen ein (mitunter erhebliches) Verletzungspotential gehört (dazu gehört Fußball ebenso wie Eishockey oder Basketball) nur diejenigen Verletzungen in Kauf genommen werden, die „auch bei Ausübung nach den anerkannten Regeln der jeweiligen Sportart nicht zu vermeiden sind“ (Palandt, §823, Rn.217). Der Bundesgerichtshof (VI ZR 296/08) drückt das so aus:

Verletzungen, die auch bei regelgerechtem Verhalten auftreten könnten, nehme jeder Spielteilnehmer in Kauf, weshalb es jedenfalls gegen das Verbot des treuwidrigen Selbstwiderspruchs verstoße, wenn der Geschädigte den beklagten Schädiger in Anspruch nehme, obwohl er ebenso gut in die Lage habe kommen können […]

Sprich: Das was jederzeit jedem Teilnehmer geschehen kann, wird im Rahmen gegenseitiger Rücksichtnahme ausgeschlossen. Andererseits wird mit der Rechtsprechung, auch mit dem BGH, dort eine Ausnahme gemacht, wo bereits ein Versicherungsschutz besteht. Denn wo ohnehin eine Versicherung einspringt, da will der BGH wohl korrekt nicht erkennen, warum die Teilnehmer auf eine Haftung verzichten sollten. Zur Haftung lässt sich aktuell daher wohl wie folgt feststellen:

  1. Die Haftung tritt dann erst ein, wenn eine Regelverletzung vorliegt, auf der die Verletzung beruht und die vorsätzlich, grob fahrlässig oder „unfair“ begangen wurde. Den Beweis für den Regelverstoß muss dabei der Verletzte führen. (ständige Rechtsprechung des BGH; dazu BGH, VI ZR 296/08, mit weiteren Nachweisen)
  2. Eine Haftung scheidet aus, wenn es sich um Verletzungen handelt, die sich ein Sportler bei einem regelgerechten und dem bei jeder Sportausübung zu beachtenden Fairnessgebot entsprechenden Einsatz seines Gegners zuzieht (BGH, VI ZR 296/08 unter Verweis auf BGHZ 63, 140, 143; 154, 316, 323 sowie OLG Köln, VersR 1994, 1072).

Sorgfaltsanforderungen beim Sport

Bei der Frage, ob die notwendige Sorgfalt angewendet wurde, wird es etwas konturlos. Mit dem BGH richten sich „die Sorgfaltsanforderungen an den Teilnehmer eines Wettkampfs nach den besonderen Gegebenheiten des Sports, bei dem sich der Unfall ereignet hat; Sie sind an der tatsächlichen Situation und den berechtigten Sicherheitserwartungen der Teilnehmer des Wettkampfes auszurichten und werden durch das beim jeweiligen Wettkampf geltende Regelwerk konkretisiert“.

Übersetzt: Der Richter wird sich an den Spielregeln orientieren und im Einzelfall eine eigene Entscheidung treffen. Eine gute Richtschnur beim Fussball ist dabei die Frage, ob das Verhalten des Spielers überhaupt noch in der Lage war, den Ball überhaupt zu erreichen, oder ob hier letztlich nur „auf den Mann“ gezielt wurde (OLG Köln, 11 U 96/10). Dabei dürfen aber auch keine zu hohen Maßstäbe angelegt werden: Auf keinen Fall ist es zur Begründung einer Haftung ausreichend, dass eine Situation anders gespielt werden kann, sondern es ist zu fragen, ob sie anders gespielt werden musste (LG Bonn, 2 O 238/09).

Rechtsprechungsübersicht zum Foul

Der Blick auf die Rechtsprechung zeigt dabei ein Urteil des OLG München (20 U 3523/08), das immerhin 15.000 Euro bei ähnlichen Verletzungen (Schienbeinbruch und Wadenbeinbruch) zugesprochen hat. Allerdings verbietet sich ein Vergleich, da im vorliegenden Fall die Umstände nicht bekannt sind: Beim OLG ging es um eine Grätsche, die von hinten ausgeführt wurde, wobei laut Gericht keinerlei Chance bestand, den Ball überhaupt zu erreichen.

Auch das LG Münster (10 O 586/02) sprach ein Schmerzensgeld in Höhe von 4.500 Euro zu, nachdem bei einer Grätsche – die als „grobes Foulspiel“ vom Schiedrichter mit einer roten Karte geahndet wurde – der Mitspieler einen Knöchel- und Beinbruch erlitt.

Das OLG Köln (11 U 96/10) stellte zur Frage des Verschuldens im Rahmen eines Fussballspiels fest, dass die „Besonderheiten eines Fußballspiels als schnellem und bisweilen hektischem Kampfspiel“ zu berücksichtigen sind. Weiter:

„Das Spielgeschehen fordert von dem einzelnen Spieler oft Entscheidungen und Handlungen, bei denen er in Bruchteilen einer Sekunde Chancen abwägen und Risiken eingehen muss, um dem Spielzweck erfolgreich Rechnung zu tragen. Bei einem so angelegten Spiel darf der Maßstab für einen Schuldvorwurf nicht allzu streng bemessen werden. Liegt das regelwidrige Verhalten noch im Grenzbereich zwischen der einem solchen Kampfspiel eigenen und gebotenen Härte und einer unzulässigen Unfairness, so ist ein haftungsbegründendes Verschulden nicht gegeben. Eine Haftung ist erst bei vorsätzlicher oder grob fahrlässiger Regelwidrigkeit und bei Überschreiten der Grenze zwischen noch gerechtfertigter Härte und unfairem Regelverstoß zu bejahen“

Auch dass ein foulender Spieler besonders Erfahren ist, soll keine höheren Haftungsmaßstäbe begründen (OLG Köln, 19 U 32/10) – denn gerade im Fussball müssen in kürzester Zeit in hektischen Spielsituationen Entscheidungen getroffen werden, die mit Körpereinsatz verbunden sind.

Überschreiten der Grenze zur Unfairness alleine genügt nicht!

Auch erfahrenen Spielern sind hier Fehler zuzugestehen, die zu Verletzungen führen können. Dabei geht die Rechtsprechung auch durchaus so weit, anzuerkennen, dass es Situationen gibt, in denen eine Abwägung der Möglichkeiten gar nicht stattfinden kann – also auch das Fairnessgebot zurücktreten kann (OLG Düsseldorf, 14 U 230/03). Letztlich bestätigt auch das OLG Koblenz (3 U 382/15 ), dass ein Schmerzensgeld nur dort möglich ist, wo man die Grenze zur Unfairness überschritten hat, eine rücksichtslose oder brutale Spielweise vorliegt – es reicht nicht aus, nur im grenzbereich zu liegen zwischen der übliche Spielhärte einer Kontaktsportart und der darüber liegenden unzulässigen Unfairness. Dass dem so ist muss der Verletzte beweise.

Fazit zum Foul im Fussball

Insgesamt darf man im Fazit also nicht zu blauäugig sein: Jedenfalls bei schweren Verletzungen, die auf Grund von Regelverstößen begangen werden, droht ein erhebliches finanzielles Risiko. Im Fussball wird es dabei oft darauf ankommen, ob durch den Schiedsrichter bereits ein Regelverstoss festgestellt wurde – insbesondere wenn eine „rote Karte“ für das Verhalten gegeben wurde, sind bei ernsthaften Verletzungen die Chancen auf ein Schmerzensgeld als nicht gering einzuschätzen. Die Faustregel, ob in der konkreten Situation überhaupt der Ball noch erreichbar war, ist dabei für Laien durchaus brauchbar als erste EInschätzung.

Die Abstufung aber, ob das im Einzelfall vielleicht doch noch eine leichte Fahrlässigkeit war, sollte man als Laie lieber unterlassen und auf keinen Fall auch noch versuchen, die Grenze bewusst auszuloten (auch wenn schwer nachzuweisen: Unfair wäre es allemal, also wiederum Schadensersatzbegründet; abgesehen davon, dass man selten diese Grenze ordentlich einschätzen kann). Zugleich wird an dieser Stelle die Rolle des Schiedsrichters hervor gehoben: Der dokumentiert nämlich Regelverstöße und kann die Beweislage durchaus verbessern (oder verschlechtern).

Hinweis: Die Anwaltskanzlei Ferner vertritt/vertrat Fussballspieler in dem hier besprochenen Zusammenhang.