Umgangsverfahren: Kind ist grundsätzlich anzuhören

Anhörung des Kindes: In Kindschaftsverfahren, insbesondere bei Fragen des Umgangsrechts, Aufenthaltsrechts und Sorgerechts, ist entsprechend § 159 FamFG grundsätzlich eine Anhörung des betroffenen Kindes geboten. Dabei kommt es entgegen verbreiteter Auffassung nicht darauf an, ob das Kind 14 Jahre alt ist – auch wenn das Kind das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ist es gemäß § 159 Abs. 2 FamFG insbesondere dann persönlich anzuhören, wenn die Neigungen, Bindungen oder der Wille des Kindes für die Entscheidung von Bedeutung sind. Denn diese Kriterien sind gewichtige Gesichtspunkte des Kindeswohls. Dies führt dazu, dass eine Anhörung im Umgangsverfahren grundsätzlich ansteht:

Weil sämtliche im Gesetz aufgeführten Aspekte in Verfahren betreffend das Umgangsrecht einschlägig sind, ist eine Anhörung auch des noch nicht 14 Jahre alten Kindes nach der Rechtsprechung des Senats regelmäßig erforderlich

BGH, XII ZB 411/18

Allerdings gibt es naturgemäß altersbedingte Probleme sich auszudrücken. Wegen fehlender Äußerungsfähigkeit wird bei sehr jungen Kindern (etwa bis 3 jähre) oder bei aufgrund besonderer Umstände erheblich eingeschränkter Fähigkeit des Kindes, sich zu seinem Willen und seinen Beziehungen zu äußern, auf die Anhörung verzichtet werden können. Dabei ist daran zu denken, dass selbst wenn das Kind seine Wünsche nicht unmittelbar zum Ausdruck bringen kann, sich möglicherweise aus dem Verhalten des Kindes Rückschlüsse auf dessen Wünsche oder Bindungen anbieten können.

Entsprechend § 159 Abs. 3 Satz 1 FamFG kann aus schwerwiegenden Gründen von der persönlichen Anhörung des Kindes abgesehen werden. Unter diesem Aspekt kann die Belastung für das Kind ausnahmsweise ein Grund sein, von der Anhörung abzusehen. Von einer persönlichen Anhörung kann dann mit dem BGH abgesehen werden,

wenn die Gefahr besteht, dass das Kind hierdurch in einer mit seinem Wohl nicht zu vereinbarenden Weise psychisch belastet wird (vgl. OLG Hamm Beschluss vom 1. August 2011 – 8 UF 136/11 – juris Rn. 10) bzw. wenn die Anhörung des Kindes zu einer erheblichen Beeinträchtigung seiner körperlichen oder seelischen Gesundheit führen würde (…) Um die Frage beantworten zu können, ob die persönliche Anhörung des Kindes unterbleiben kann, muss vom Tatrichter eine Interessenabwägung vorgenommen werden. Dabei ist auch zu berücksichtigen, inwieweit es möglich ist, durch die Auskunft anderer Verfahrensbeteiligter, wie etwa des Verfahrensbeistands, des Umgangs- bzw. Ergänzungspflegers oder eines Mitarbeiters des Jugendamts, zu erfahren, ob der Umgang dem Kindeswohl entspricht.

BGH, XII ZB 411/18

Dabei macht der BGH deutlich, dass alleine weil ein Kind 4 Jahre alt ist, nicht von der Abhörung abzusehen ist:

Auch ein erst vierjähriges Kind ist in einem Umgangsrechtsverfahren grund- sätzlich von dem Gericht persönlich anzuhören. Ausnahmsweise darf das Ge- richt von der Anhörung des Kindes aus schwerwiegenden Gründen absehen. Das ist regelmäßig der Fall, wenn die Anhörung des Kindes zu einer erhebli- chen Beeinträchtigung seiner körperlichen oder seelischen Gesundheit führen würde.

BGH, XII ZB 411/18

Einer Mutter wurde in diesem Fall zum „Verhängnis“, dass Sie „eine pauschale Negativhaltung gegenüber dem Vater entwickelt und eine Feindbildprojektion hat“. Dies wurde ungebremst auf das Kind übertragen, dass damit in erhebliche Konflikte gestürzt wurde:

Die Mutter stelle den Vater pauschal infrage; dies führe offenbar bei ihr zu einer legitimierten Haltung, die Rolle des Vaters zu negieren. Nach bisheriger Einschätzung führe das zu einem schwerwiegenden und dem Kindeswohl abträglichen Loyalitätskonflikt (…)

Wenn ein Gericht zu dem Schluss kommt wird es nicht mehr besser, man konterkariert mit seinem eigenen Verhalten die Wünsche der Umgangsregelung.

Rechtsanwalt & Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner
Rechtsanwalt & Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner
Rechtsanwalt Jens Ferner - Fachanwalt für Informationstechnologierecht: Ich biete eine fokussierte Tätigkeit auf den Bereich Strafrecht, IT & Medien. Ergänzend dazu bin ich im Arbeitsrecht & Vertragsrecht sowie für Verbraucher vor Ort im Familienrecht & Erbrecht tätig. Eine umfassende Betreuung von Handwerkern, Agenturen & Unternehmen wird geboten. Kern meiner Tätigkeit ist das Prozessrecht, ganz besonders im Bereich IT-Prozess sowie Klageabwehr im Zivilprozess. Besprechungstermin in Alsdorf vereinbaren: 02404-92100. Beachten Sie, dass wir ausnahmslos keine Beratung per Mail oder Telefon anbieten - es gibt in unserer Kanzlei auch keinerlei kostenlose Tätigkeit!