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Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Vater wenn Kind es wünscht und seinem Wohl entspricht

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Was das OLG Brandenburg (9 WF 41/10) im Juli entschieden hat wäre mit Blick auf die Details noch vor wenigen Jahren absolut undenkbar gewesen: Einem Vater wurde für seinen Sohn (11,5 Jahre) das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen. Die Details dabei stichwortartig:

  1. Das Kind ist „psychisch labil“ (depressiv)
  2. Der Vater ist mit einer Insolvenz beschäftigt
  3. Die Mutter ist Ärztin

Schon Punkt 2 hätte noch bis vor kurzem gereicht, um dem Vater seinen Wunsch zu verwehren, die Punkte 1 und 3 eine einzigartige Kombination, bei der ich nicht damit gerechnet hätte, dass der Vater wirklich gehört wird – wurde er aber doch: Das OLG sieht zuerst einmal, dass das Kind ausdrücklich und frei mit steter Vehemenz äußert, beim Vater und nicht bei Mutter (und Schwester) leben zu wollen. Dabei wird – beim OLG Brandenburg inzwischen typisch – auf den jeweiligen Umgang geachtet und honoriert, dass der Vater die Umgangskontakte mit der Mutter aufrecht erhält, während moniert wird, dass die Mutter das umgekehrt eher verhindert, sich „der Situation verweigert“. Dazu stellt das OLG mit überraschenden Worten dann fest:

Vor diesem Hintergrund kann es dem Wohl des psychisch labilen Jugendlichen nicht entsprechen, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihn wieder beiden Elternteilen zu übertragen mit der Folge, erneut zumindest Unsicherheit über seinen zukünftigen Lebensmittelpunkt zu entfachen.

Im Ergebnis war das „Querstellen“ durch die Mutter also mit der Grund, warum am Ende der Vater alleine (und nicht beide) das Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen bekommen hat – mit der Besonderheit, dass in diesem konkreten Fall die Labilität des Sohnes die Befürchtungen weckte, dass weitere Unsicherheiten auftreten, die das Kindswohl gefährden.

Hinweis: Ich habe das schon mehrfach aufgegriffen – wer sich beim Umgangsrecht quer stellt (was leider üblich ist), unterliegt am Ende im Regelfall, siehe nur hier. Und notfalls, wenn beide sich quer stellen, unterliegen auch beide, wie ich hier geschildert habe.

Die Entscheidung ist eine vorläufige, in der Hauptsache wird noch endgültig entschieden, wobei das OLG am Ende kritisch darauf verweist, dass man sich letztlich gegenseitig mit Vorwürfen „überschüttet“ hat. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Im Folgenden die Entscheidung im Volltext.

OLG Brandenburg, Beschl. v. 23.07.2010 – 9 WF 41/10
AG Oranienburg, 18.12.2009 – 39 F 85/10
  1. Der Kindesmutter wird zur Durchführung des Beschwerdeverfahrens auf ihren Antrag vom 7. Juni 2010 ratenfreie Verfahrenskostenhilfe unter Beiordnung von Rechtsanwalt …, …, bewilligt.
  2. Dem Kindesvater wird im Hinblick auf seinen Verfahrenskostenhilfeantrag vom 24. März 2010 aufgegeben, Nachweise über den Stand seines Giro- und Bausparkontos sowie seine Gehaltsabrechnungen ab Februar 2010 vorzulegen und darzutun, welche Beträge von der Insolvenz nicht erfasst sind.
  3. Das als Beschwerde zu wertende Rechtsmittel der Kindesmutter vom 4. Januar 2010 gegen den Beschluss des Amtsgerichts Oranienburg vom 18. Dezember 2009 wird zurückgewiesen. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens werden der Kindesmutter auferlegt. Der Beschwerdewert wird auf 1.500,00 € festgesetzt.
Gründe
I.
Die Beteiligten zu 1 und 2 sind die gemeinsam sorgeberechtigten Eltern der minderjährigen Kinder J… H…, geboren am …. September 1998 und – vom vorliegenden Verfahren nicht betroffen – M… H…, geboren am …. Dezember 2000. Sie betrieben in der Vergangenheit und betreiben teilweise weiterhin eine Vielzahl von Verfahren zum Umgangs- und Sorgerecht für ihre Kinder. Im Rahmen der beim Amtsgericht Oranienburg zunächst unter dem Aktenzeichen 33 F 93/09, nunmehr 39 F 83/10 anhängigen Sorgerechtssache, die am 26. Mai 2009 nach aus einem Parallelverfahren gezogenen Erkenntnissen vom Amtsgericht von Amts wegen eingeleitet wurde, erging am selben Tage im Wege einstweiliger Anordnung ein Beschluss, durch den der Kindesmutter vorläufig die Personensorge für beide Kinder entzogen wurde. Diese Entscheidung wurde durch weiteren Beschluss vom 8. Juli 2009 wieder aufgehoben und das Verfahren in der Hauptsache durch Einholung eines Gutachtens der Sachverständigen Diplompsychologin I… M… fortgesetzt. Diese vereinbarte mit den Kindeseltern am 14. Juli 2009 die Praktizierung eines Wechselmodells für die Dauer der Begutachtung, um möglichst objektive Erkenntnisse gewinnen zu können. Unmittelbar vor der Fertigstellung ihres schriftlichen Gutachtens setzte die Sachverständige das Amtsgericht davon in Kenntnis, dass aus ihrer Sicht im Hinblick auf J… eine akute Kindeswohlgefährdung mit Suizidgefahr vorliege. Der Junge leide an einer schweren psychischen Erkrankung mit dringendem Behandlungsbedarf und sei nach den Feststellungen seiner Klassenlehrerin seit zwei Wochen völlig teilnahmslos und depressiv. Er habe aber den ausdrücklichen Wunsch geäußert, beim Vater leben zu wollen, was die Mutter nicht akzeptiere. Daraufhin beschloss das Amtsgericht Oranienburg ohne Anhörung der Beteiligten noch am selben Tage das Aufenthaltsbestimmungsrecht für J… der Kindesmutter zu entziehen und auf den Kindesvater (allein) zu übertragen, der gleichzeitig beauflagt wurde, den Jungen unverzüglich einem Kinder- und Jugendpsychiater vorzustellen und eine Psychotherapie bei einem ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten zu veranlassen.
Der Kindesvater nahm J… am Abend des Folgetages, des 18.11.2009, in seine Obhut, nachdem er Kenntnis davon erhalten hatte, dass die Kindesmutter die stationäre Unterbringung des Jungen in der Kinderpsychiatrie in B… veranlassen wollte. Ende November 2009 verzogen Vater und Sohn nach S…, wo der Beteiligte zu 2 seither als Erzieher mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 35 Stunden tätig ist.
Zeitgleich wandte sich die Kindesmutter mit einem Antrag auf mündliche Verhandlung gegen die ergangene Entscheidung und führte aus, der Umzug von Vater und Sohn, der für J… mit einem Schulwechsel verbunden sei, entspreche nicht dem Kindeswohl. Die Praktizierung eines Wechselmodells sei ausdrücklich nur für die Dauer der Begutachtung abgesprochen und nach Fertigstellung des Gutachtens folglich von ihr nicht einseitig beendet worden. Sie habe vielmehr ihrerseits alles unternommen, um J… der dringend benötigten stationären Psychotherapie zuzuführen. So habe sie eine Kostenzusage der Krankenkasse erwirkt, die Einweisung des den Sohn bislang behandelnden Psychologen eingeholt und in der Klinik vorgesprochen. Demgegenüber komme der Kindesvater den gerichtlichen Auflagen zur Behandlung des Kindes nicht hinreichend nach.
Seit Ende November 2009 besucht J… eine Gesamtschule in S… und teilte dem Verfahrensbeistand in zwei Telefonaten Ende November und Anfang Dezember 2009 mit, ihm gehe es jetzt gut, er wolle (ohne die Schwester) beim Vater wohnen bleiben, was er jedoch der Mutter bei deren Wochenendbesuch nicht gewagt habe, zu sagen. In ähnlicher Weise äußerte sich J… bei seiner Anhörung am 10.12.2009 vor dem zuständigen Amtsrichter. Er befürchte, dass die Mutter seinen Wunsch nicht akzeptieren werde, wolle aber keinesfalls in den mütterlichen Haushalt zurück. Mit der in einer getrennten Wohnung in S… lebenden Lebenspartnerin des Vaters und deren zehnjährigem Sohn verstehe er sich gut.
Im Anhörungstermin vor dem Amtsgericht Oranienburg am 10. Dezember 2009 äußerte sich der Vertreter des Jugendamtes … dahingehend, dass der Junge beim Vater in S… verbleiben solle. Der gleichfalls angehörte Schulpsychologe Dr. G… äußerte Zweifel hinsichtlich der Einsicht des Vaters in die Erkrankung des Kindes an einer ernsten Depression. Aus seiner Sicht sei eine eindeutige Entscheidung, möglichst rasch auch im Hauptsacheverfahren, geboten.
Am Schluss der Sitzung verkündete das Amtsgericht Oranienburg einen Beschluss dahingehend, dass die einstweilige Anordnung vom 17. November 2009 aufrechterhalten werde. Zur Begründung verwies das Amtsgericht darauf, dass das Verhalten der Kindesmutter durch den Versuch der stationären Unterbringung J… in einer psychiatrischen Klinik zur Verhinderung einer kindgerechten Übergabe an den Vater und damit zu einer zusätzlichen Kindeswohlgefährdung geführt habe. Es sei zu erwarten, dass auch die Hauptsacheentscheidung in dem Sinne ergehen werde, dass das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht dem Vater zuzusprechen sei. Die dem entgegenstehende Stellungnahme des Schulpsychologen sei nicht überzeugend; dieser habe sich ein Urteil über den Kindesvater erlaubt, ohne diesen zu kennen. Es würde angesichts der psychischen Labilität und latenten Suizidgefahr nicht dem Kindeswohl entsprechen, J… nach dem nun gerade erfolgten Umzug in den väterlichen Haushalt wieder der Mutter anzuvertrauen.
Gegen diese ihr am 21. Dezember 2009 zugestellt Entscheidung hat die Kindesmutter sich – eingehend beim Amtsgericht Oranienburg am 4. Januar 2010 – mit einem als „sofortige Beschwerde“ bezeichneten Rechtsmittel gewandt, mit dem sie die Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und die Rückübertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechtes für J… auf sich anstrebt.
Zur Begründung vertieft sie ihr erstinstanzliches Vorbringen und betont insbesondere, das Praktizieren des Wechselmodells sei nur für die Dauer des Anfang November 2009 abgeschlossenen Prozesses der Begutachtung vereinbart worden, seine Aufgabe durch den sich zu diesem Zeitpunkt ständig verschlechternden Zustands J…, der mit dem wöchentlichen Wechsel zwischen den elterlichen Haushalten nicht zu Rande gekommen und zunehmend verhaltensauffällig geworden sei, notwendig geworden. Gleichzeitig habe sie alle erforderlichen Schritte eingeleitet, um J… die erforderliche medizinische Hilfe zuteilwerden zu lassen. Auch die Klassenlehrerin von J… habe im Herbst 2009 eine beunruhigende Verschlechterung seines Zustandes erkannt. Eine Kindeswohlgefährdung durch sie könne in ihrem Verhalten nicht gesehen werden. Hingegen entspreche es nicht dem Kindeswohl, wenn J… in einer hoch belasteten Situation zu einem Umzug in eine weitentfernte, ihm nicht bekannte Gegend veranlasst werde. Wie auch der Schulpsychologe empfohlen habe, müsse der Junge dringend zur Ruhe kommen und nicht neuerlichen Unsicherheiten ausgesetzt werden. Eine fundierte Einschätzung des Verfahrensbeistandes könne schon deshalb nicht vorliegen, weil insoweit zum letzten Mal im Juni 2009 ein Kontakt mit dem Kind stattgefunden habe. Anders als sie stehe der Kindesvater der notwendigen psychotherapeutischen Behandlung von J… ablehnend gegenüber und habe das Kind auch mehrere Monate nach dem Umzug nach S… noch keiner therapeutischen Behandlung zugeführt. Die schulischen Leistungen J… seien im ersten Schulhalbjahr dort im Vergleich zu seinen Vornoten erheblich abgesunken. Im Übrigen beeinträchtige die angefochtene Entscheidung die enge Bindung J… zu seiner Schwester L….
Diesem Vorbringen ist der Kindesvater entgegengetreten und erstrebt die Zurückweisung der Beschwerde der Kindesmutter. Er führt insbesondere aus, J… habe sich in S… gut eingelebt und fühle sich wohl, wie er Anfang Dezember 2009 auch dem Verfahrensbeistand in einem Telefonat bestätigt habe. Er, der Vater, habe in S… unverzüglich Kontakt zum dortigen Träger der Jugendhilfe aufgenommen und einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung gestellt, der der Mutter zugeleitet worden sei. Außerdem habe er sich in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Gemeinschaftskrankenhauses H… um eine Behandlung des Jungen bemüht; die Wartezeit betrage dort jedoch mehrere Monate. Am 31. Mai 2010 sei J… in der kinder- und jugendpsychiatrischen Institutsambulanz in Ha… zur Diagnostik vorgestellt worden. Außerdem habe er die psychologische Beratungsstelle der Diakonie in S…, den Psychotherapeuten Dr. T… K… und den Kinderarzt H… W… kontaktiert.
Der Verfahrensbeistand, Frau Diplom-Sozialpädagogin S…, führte am 4. Juni 2010 ein Gespräch in ihren Diensträumen mit dem Jungen, der berichtete, sich in S… gut eingelebt zu haben und sich „so gut wie noch nie zu fühlen“. Die zuvor von ihm eingenommenen Tabletten gegen ADS nehme er nicht mehr. Seither gehe es ihm besser. Zwar seien seine Schulleistungen unter der Tabletteneinnahme besser gewesen, er habe sich inzwischen aber ohne Tabletten auch wieder gesteigert. Sowohl in der Schule wie auch im väterlichen Haushalt gefalle es ihm besser als zuvor, weshalb er ganz sicher sei, auch zukünftig beim Vater leben zu wollen. Die Mutter und die Schwester besuche er einmal monatlich; L… komme abwechselnd ebenfalls einmal im Monat zum Vater und zu ihm. J… wirkte auf Frau S…, die seinen geäußerten Wunsch zum Lebensmittelpunkt als autonomen Willen ansieht, ausgeglichen und zufrieden.
Darüber hinaus hat der Senat ergänzende Stellungnahmen des Trägers der Jugendhilfe in S…, des Therapeuten Dr. K… und der psychologischen Beratungsstelle der Stadt S… eingeholt. Auf die Schreiben der Sozialen Dienste der Diakonie S… vom 16. Juni 2010 (Bl. 230 f.), des Herrn Dr. K…, eingegangen am 22. Juni 2010 (Bl. 234) und der psychologischen Beratungsstelle S… vom 22. Juni 2010 (Bl. 239) wird Bezug genommen.
II.
Das Rechtsmittel der Kindesmutter gegen den nach mündlicher Erörterung den vorläufigen Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes der Mutter für den Sohn J… H… bestätigenden Beschluss des Amtsgerichts Oranienburg vom 10. Dezember 2009 ist nach § 57 Abs. 1 Nr. 1 FamFG statthaft und als Beschwerde im Sinne der §§ 58 ff. FamFG in zulässiger Weise eingelegt und begründet worden.
Die Beschwerde bleibt in der Sache jedoch ohne Erfolg. Das Beschwerdegericht ist insbesondere aufgrund der von ihm im Rahmen des Beschwerdeverfahrens durchgeführten weiteren Ermittlungen zu dem Ergebnis gelangt, dass dem Wohl des Kindes derzeit bis zu einer Entscheidung in der Hauptsache nur dadurch Rechnung getragen werden kann, dass nach § 1666 Abs. 1 BGB das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Jungen der Mutter entzogen und auf den Kindesvater allein übertragen wird.
Nach der genannten Vorschrift sind sorgerechtliche Entscheidungen dann zu treffen, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet wird. Maßstab für die zu treffende Entscheidung nach § 1666 BGB ist das Wohl des Kindes, also der umfassende Schutz des in der Entwicklung befindlichen jungen Menschen. Eine Gefährdung des Kindeswohls ist dann anzunehmen, wenn die begründete gegenwärtige Besorgnis besteht, dass bei Nichteingreifen des Gerichts das Kindeswohl beeinträchtigt würde; hierfür ist eine Abwägung sämtlicher Umstände unter Berücksichtigung der Anlagen und des Verhaltens des Kindes vorzunehmen.
Eine begründete Besorgnis der zukünftigen Schädigung des Kindeswohls entsteht in aller Regel aus Vorfällen in der Vergangenheit, wobei im vorliegend zu beurteilenden Fall bereits nach den dieses Verfahren einleitenden Erkenntnissen der Sachverständigen in der parallelen Auseinandersetzung um das Sorgerecht von einem Erziehungsunvermögen auszugehen ist. Der unbestimmte Rechtsbegriff des Erziehungsunvermögens wird durch verschiedene Erscheinungsformen konkretisiert, wie etwa den Missbrauch der elterlichen Sorge, der Kindesvernachlässigung und das Versagen der Eltern. Die beiden erstgenannten Erscheinungsformen sind hier mit Sicherheit nicht in Betracht zu ziehen, wohl aber ein unverschuldetes Versagen der Kindesmutter durch trotz oder gerade in Kenntnis der psychischen Beeinträchtigungen ihres Sohnes dessen Willen, augenblicklich beim Vater leben zu wollen, fehlende Akzeptanz.
Der Senat verkennt keineswegs die fachliche Kompetenz der Kindesmutter, selbst Medizinerin, im Hinblick auf die therapiebedürftige psychische Erkrankung des Sohnes und insbesondere ihr anerkennenswertes überobligatorisches Bemühen um seine angemessene Behandlung. Wenn zum Zeitpunkt der Einleitung des vorliegenden Verfahrens fachkundige Dritte, wie die
Sachverständige des Sorgerechtsstreits oder der Schulpsychologe, unter anderem von einer schweren Depression J… und seiner Suizidgefährdung ausgingen, so erscheint das höchste Maß an Besorgnis einer Mutter um ihr Kind durchaus verständlich. Hieraus erklären sich die vielfältigen Bemühungen der Beschwerdeführerin J… therapeutische Hilfe zukommen zu lassen, wenn auch der Versuch seiner stationären Unterbringung in der Kinderpsychiatrie des Klinikums B… in Kenntnis oder jedenfalls in Erwartung der unmittelbar zu treffenden gerichtlichen Entscheidung als Überreaktion der Kindesmutter zu werten ist, wie sich auch daran ablesen lässt, dass ganz offenbar die dort behandelnden Ärzte diese Maßnahme für nicht angezeigt hielten.
Jedenfalls mit Bekanntgabe des Inhalts der Kindesanhörung durch den Amtsrichter vom 10.12.2009 und den Stellungnahmen der übrigen Beteiligten im Rahmen des Beschwerdeverfahrens, soweit sie mit J… geführte Unterredungen wiedergeben, musste die Beschwerdeführerin zu der Einsicht gelangen, dass es nun bereits seit geraumer Zeit J… erklärtem Wunsch entspricht, mit dem Vater (und nicht der Mutter und der Schwester) zusammenzuleben. Selbst wenn sich der inzwischen 11 ½ Jahre alte Junge anfangs gescheut haben mag, diesen Wunsch unmittelbar der Mutter gegenüber zu äußern, musste diese ihn dennoch zumindest über die Stellungnahmen der übrigen Beteiligten zur Kenntnis nehmen. Zweifel an der Autonomie dieses Willens sind zu keiner Zeit geäußert worden; ihnen fundiert nachzugehen müsste gegebenenfalls auch dem Hauptsacheverfahren vorbehalten bleiben. Dennoch hat die Kindesmutter inzwischen acht Monate nach dem Umzug des Sohnes sich immer noch nicht darauf einlassen können, diesen Kindeswillen und die gegenwärtige familiäre Situation zu akzeptieren.
Dies mag zum Teil darin begründet liegen, dass nach den Erkenntnissen aller hierzu Befragten die Erkrankung des Kindes behandlungsbedürftig erscheint und die Beschwerdeführerin von der Besorgnis geleitet wird, dass diesem Umstand, dem das Amtsgericht schon in seinem einleitenden Beschluss vom 17.11.2009 durch Erteilung einer Auflage an den Kindesvater Rechnung getragen hat, nicht hinreichend nachgegangen wird. Vor diesem Hintergrund sah der Senat Anlass, vor seiner Entscheidung zu den Fragen des aktuellen Befindens J… und dem Stand der im Hinblick auf eine Therapie ergriffenen Maßnahmen eigene Ermittlungen anzustellen. Nach den nicht immer die wünschenswerte Deutlichkeit entfaltenden Stellungnahmen insbesondere der psychologischen Beratungsstelle S…, des Sozialhilfeträgers und des behandelnden Therapeuten Dr. K… drängt sich in der Tat der Eindruck auf, der Kindesvater habe etwas zögerlich und nicht mit dem Maß an Engagement, das zumindest von der Mutter erwartet wurde, Bemühungen zur Aufnahme einer Therapie unternommen. Festzuhalten ist allerdings auch, dass er sich derartigen Maßnahmen nicht entgegengestellt hat und diese nun – möglicherweise aufgrund des nachdrücklicheren Vorgehens des Jugendhilfeträgers – seit Mai 2010 begonnen wurden und fortgeführt werden. Von einer (weiterhin) bestehenden Suizidgefährdung hat keiner der Befragten berichtet. Hingegen weiß der Verfahrensbeistand nach einem längeren persönlichen Gespräch mit J… außerhalb des häuslichen Umfeldes davon zu berichten, dass der Junge sich offenkundig so gut wie seit langem nicht mehr fühlt.
Daraus folgt, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedenfalls kein Anlass mehr für die Besorgnis besteht, dass der Sohn keine oder nicht hinreichende therapeutische Hilfe erhält. Sein Zustand erscheint stabil. Umgangskontakte mit Mutter und Schwester finden regelmäßig statt. Vor diesem Hintergrund kann es dem Wohl des psychisch labilen Jugendlichen nicht entsprechen, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihn wieder beiden Elternteilen zu übertragen mit der Folge, erneut zumindest Unsicherheit über seinen zukünftigen Lebensmittelpunkt zu entfachen. Es wäre deshalb wünschenswert gewesen, wenn sich die Beschwerdeführerin dazu hätte entschließen können, den Wunsch des Jungen nach einem Leben im väterlichen Haushalt jedenfalls derzeit zu respektieren. Da dies nicht geschehen ist, sondern das Beschwerdeverfahren vielmehr dadurch gekennzeichnet ist, dass die Kindeseltern sich wechselseitig mit Vorwürfen des Inhalts konfrontieren, nicht hinreichend für ihn zu sorgen bzw. ihn „überzubehüten“, kommt der Senat im Ergebnis nicht umhin, die erstinstanzliche Entscheidung zu bestätigen.
Dabei sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es derzeit ausschließlich um eine Regelung des einstweiligen Rechtsschutzes geht; im Rahmen des Hauptsacheverfahrens werden die angesprochenen Fragen, gegebenenfalls mit weiterer sachverständiger Unterstützung und unter Berücksichtigung der fortschreitenden Entwicklung einer fundierten Klärung zuzuführen sein.
Angesichts der Tatsache, dass neben den eingeholten schriftlichen Stellungnahmen von einer mündlichen Verhandlung keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten waren, hat der Senat nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG von der Durchführung eines Termins abgesehen.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 84 FamFG, die Festsetzung des Beschwerdewertes beruht auf § 41 FamGKG. Der Zulassung der Rechtsbeschwerde bedarf es nicht.
Angesichts der Bedeutung der Sache und ihrer Komplexität war der Kindesmutter trotz des vorgenannten Ergebnisses ihrer Rechtsverfolgung Verfahrenskostenhilfe zu bewilligen.
Über den diesbezüglichen Antrag des Kindesvaters wird bei Vorliegen vollständiger Nachweise zu seiner Bedürftigkeit zu entscheiden sein.
Rechtsanwalt Jens Ferner

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