Anmerkung: Der „Amoklauf“

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Nach dem „Amoklauf“ von Lörrach stellt man die übliche Ernüchterung fest, wenn angebliche Erklärungsmodelle – hier: Die ständige Vermutung eines kausalen Zusammenhangs zwischen männlichem Geschlecht, Ego-Shootern und Schulgebäuden – versagen. Was der Medienkonsument zur Zeit erlebt ist eine heillos überforderte Politik, die nicht mehr weiss, was sie nun fordern soll und Medien, die nach einem „Grund“ für die tat fragen und letztlich nur etwas zum „Auslöser“ schreiben. Auffällig auch, dass man zwar einen Bischoff zitiert erlebt, aber – wie immer bei diesem Thema – faktisch keinen Kriminologen.

In der medialen Aufbereitung des Themas „Amoklauf“ fällt zudem die Konzentration auf die letzten Jahre auf, was sicherlich den Eindruck der breiten Masse stärkt, das Thema wäre ein eher aktuelles. Speziell mit der Tat von Erfurt, die auf jeden Fall eine Zäsur in der „Entwicklung“ dieses Themas darstellt, scheinen in Deutschland so genannte „Amokläufe“ überhaupt erst thematisiert zu sein. Wer chronologische Übersichten in der Presse geliefert bekommt, stellt fest, dass diese im Regelfall um das Jahr 2002 herum beginnen.

Insofern verstehe ich sehr gut, wenn viele Menschen glauben, der „Amoklauf“ wäre ein neuzeitliches Phänomen. Die Tatsache, dass im Regelfall über Schulen berichtet wird (wo wir in der Tat eine Häufung haben!), erzeugt am Ende ein Schema, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Zum einen muss man sich fragen, was man unter einem „Amoklauf“ verstehen möchte, denn je nach Definition des Begriffs gehen schon quasi automatisch Erscheinungsbilder damit einher. Beispiele zur Verdeutlichung:

  1. Soll zum „Amoklauf“ etwa gehören, dass jemand wahllos andere Menschen tötet? Dann wären diverse terroristische Bombenanschläge der Vergangenheit Amokläufe.
  2. Soll zum „Amoklauf“ gehören, dass mit Schusswaffen wahllos Menschen im „Alltag“ gezielt getötet werden? Dann wäre qua Definition schon jeder Täter mit Stichwaffen außen vor.
  3. Soll zum „Amoklauf“ gehören, dass bei der Tat (scheinbar) wahllos Menschen getötet werden und der Täter ohne (erkennbaren) Grund vorgeht? Dann wäre jede Diskussion zur Ursache und deren Bekämpfung qua Definition ausgeschlossen.
  4. Soll der „Amoklauf“ überhaupt in irgendeiner Form durch die Opfer eingeschränkt werden (wahllos, dem Täter persönlich unbekannt, bestimmte Zahl von Opfern, Ort der Tat)? Dann werden wir uns streiten, warum so manche „Familientragödie“ bei der mitunter auch Freunde betroffen sind nicht als „Amoklauf“ gelten soll.

Ich sehe zur Zeit eine immer noch noch konkretem Vorfall für kurze Zeit geführte Diskussion zu einem Phänomen, das wir (a) nicht einmal definiert haben und zu dem wir (b) uns strikt weigern Fachleute – namentlich Kriminologen – auch nur anzuhören. Unsere „Experten“ sind wieder einmal „ganz besonders betroffene“ jeglicher gesellschaftlicher Schicht und natürlich Politiker. Kein Wunder, dass im Schnitt 4-6 Wochen nach solchen Vorfällen keiner mehr ernsthaft darüber spricht und bestenfalls die Kameras zu Gedenkfeiern wieder herausgeholt werden.

Auch in der Chronologie von „Amokläufen“ stelle ich fest, dass diese von Medien und Politik immer wieder verzerrt dargestellt wird, was schon automatisch der Fall ist, wenn man sich auf einen Zeitraum seit 2002 beschränkt. In der Tat sind „Amokläufe“, sofern ich versuche ein einheitlichen Tatbild zu erarbeiten, seit Jahrzehnten weltweit und auch in Deutschland vorgekommen. In Deutschland ist dabei spätestens 1964 die erste Nachkriegs-Tat verbrieft, die in das heutige Schema eines Amoklaufs passt. Ein Frührentner (!) ging mit einem selbstgebauten Flammenwerfer sowie einer Lanze in seine ehemalige Schule und tötete mehrere Kinder und seine ehemalige Klassenlehrerin. Schon mit diesem Beispiel ist hoffentlich klar, warum die aktuelle Tat von Lörrach keinesfalls „atypisch“ ist, auch wenn einmal eine Frau handelte – wer ernsthaft versucht bei allen Taten ein einheitliches Muster zu erkennen, der handelt schlicht unseriös.
Denn so selten sind Frauen keinesfalls: 1979 in den USA war es eine Schülerin, die mit einem Gewehr auf andere Schüler schoss und diese tötete. Der Vorfall ist  – am Rande bemerkt – einer der bekanntesten der Welt, war er nämlich die Vorlage zum Lied „I don’t like Mondays“, das so mancher fröhlich unwissend vor sich hinträllert.
Auch sonst gibt es keinen Stereotyp: In Südkorea war es Anfang der 80er ein Polizist mit Dienstwaffen (in Deutschland war es 2005 ein Ex-Polizist, der sich und seine Freundin tötete, dabei um sich schiessend 3 Passanten verletzt), in Deutschland 1983 war es in Hessen wieder eine Schule, die der Täter aber Willkürlich aussuchte und dort Schüler und einen Polizisten  erschoss. Der Familienvater, der 2002 in Beirut 9 Menschen erschossen hat, tat es nach einem Nervenzusammenbruch in Folge eines verweigerten Kredites. Als im Jahr 2003 ein Angestellter in Deutschland bei seinem Arbeitgeber mit einem Samuraischwert wahllos tötete, ging wohl ein Streit mit dem Arbeitgeber voraus – der Täter der 2005 eine Familie in Stuttgart mit einem Samuraischwert tötete, war psychisch krank.

Ich habe bis hierhin bewusst Einzelfälle ausgesucht, um diesem verständlichen Drang, „dieses eine Muster“ zu finden, ein wenig entgegen zu treten. Weder waren offensichtlich Computerspiele die Ursache – wobei in diesem Bereich gefährdete Kinder sicherlich den Hang haben, heute entsprechende Spiele zu spielen, wobei die Spiele aber nicht Ursache für den Hang sind, sondern umgekehrt. Noch dürfte es alleine ausreichend sein, sämtliche Schusswaffen im Alltag zu verbieten: In England finden wir diverse „Amokläufe“, zuletzt im Juni diesen Jahres, bekannte taten waren davor in den Jahren 1996 und 1987, jeweils hat ein Mann zahlreiche Schüler erschossen. Dabei möchte ich, als bekannter Gegner von Waffen im zivilen Alltag, kein Plädoyer für Schusswaffen „aus Spass & Sport“ halten, ich möchte nur Fair darauf verweisen, dass auch an diesem Punkt kein Allheilmittel zu suchen sein wird.

Was heisst das für mich? Ich sehe kein einfaches Muster, das man auf Grund persönlicher Merkmale festmachen kann. Und ich glaube auch nicht, dass einfache Verbotsmaßnahmen in irgendeiner Form behilflich sein werden. Ich bin davon überzeugt, dass solche Taten Ausdruck sozialer Isolation, Verzweiflung, vielleicht manchmal sogar Krankheit (und sei es ein Nervenzusammenbruch) sind, die durch ein konkretes, vielleicht unscheinbares, persönliches Erlebnis ausgelöst werden.

Dabei stehe ich vor dem Problem, persönlich nicht einzusehen, warum zwischen „dem Amoklauf“ und der „familiären Tragödie“ medial unterschieden wird. An dieser Stelle zeigt sich, die notwendigkeit, sich Gedanken über eine Definition oder zumindest Eingrenzung des Phänomens zu machen, um dann ernsthaft nach potentiellen Ursachen und Prävention zu fragen.

Wenn ich mir nämlich ansehe, mit welchen Sanktionen Kinder heute in Schulen belegt werden, die – ohne Wertung an dieser Stelle von mir – in einer persönlichen Auseinandersetzung die Worte „ich bring‘ dich um“ murmeln, bin ich mir auch nicht sicher, ob das nicht kontraproduktiv ist. Vielmehr sind soziale und psychotherapeutische Hilfe am Ende vielleicht der einzige Weg, jedenfalls dort, wo man potentielle Täter frühzeitig ausmachen könnte. Wenn aber nicht einmal mehr familiäres Umfeld und Schule in der Lage sind, zu erkennen in welch persönlicher Bedrängnis der einzelne Mensch steckt, dann haben wir letztendlich in unserem sozialen System ein erhebliches Problem. Dieses Problem lässt sich m.E. auch nicht damit lösen, dass wir potentielle Tatwerkzeuge oder Computerspiele schlicht verbieten, sondern alleine dadurch, dass wir uns darauf konzentrieren, unsere Gesellschaft und ihre Instrumentarien wieder so gestalten, dass Einzelne nicht mehr „durch das Netz“ fallen können und anstelle von Sanktionen Hilfe erhalten. Freilich kostet so etwas Geld und lässt sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen – anders als Verbote, die die Politik ohne Kosten für den Staat in schnellem Aktionismus durchwinken kann. Man muss ja was tun.

Zum Thema:

  • Im Beck-Blog kann man zum Thema diskutieren
  • Bericht der „Guttenberg-Kommission“ (PDF)
  • Etwas allgemeinere Literaturtipps für Laien: Wer sich für „Täterprofile“ interessiert und neben effekthascherischen Serien wie „CSI“ oder „True Lies“ fundierte Informationen erhalten möchte, dem kann ich als erstes „Mörderisches Profil“ von Stephan Harbort empfehlen. Zum Thema Sexualtäter gibt es ein entsprechendes Buch von Anna Salter mit dem Titel „Dunkle Triebe“.
  • Im übrigen möchte ich wieder einmal mahnen, nicht Meinungen von Politikern mit Einschätzungen von Fachleuten, ausweislich Kriminologen und Kriminalpsychologen, zu verwechseln. Dass die Medien vor allem erstere zitieren spricht für sich.
  • Berichterstattung: SWR, Tagesschau und STERN