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Lesetipp: Kleine Schule des juristischen Denkens


In der aktuellen JuS 12/2008 findet man unter dem Titel „Die juristischen Ausbildungsbücher des Jahres 2008 – Eine Leseempfehlung von JuS-Autoren für JuS-Leser“ findet man auf Seite 1136 diesen Absatz:

Darum gilt sie [Puppe] manchem im Studium als schwer verständlich. Mit diesem Klischee sollte jetzt Schluss sein. Denn die kleine Denkschule ist beides: theoretisch ansprechend und doch verständlich (manchmal gar unterhaltsam) geschrieben.

Also ich stimme den Autoren in der JuS in zwei Punkten zu:

  1. Puppe gilt als schwer verständlich
  2. Dieses Buch gehört definitiv auf jede Empfehlungsliste für juristische Literatur – es dürfte eine der Neuerscheinungen dieses Jahres sein.

Aber: Bzgl. Puppe ist der schwierige Zugang zu „ihrer Welt“ kein Klischee sondern Fakt. Und auch wenn die kleine Schule juristischen Denkens in der Tat verständlich ist, so ist es keinesfalls einfach, wie es in dem Artikel ein wenig suggeriert wird.

Da ich versuche, hier immer fair zu schreiben und Hintergründe offen zu legen (darum ja auch der Hinweis, wenn mir etwas als Rezensionsexemplar vorliegt), vorab ein Hinweis: Ich habe sehr oft, lange und gerne bei Puppe Strafrecht AT gehört. Die meisten ihrer Schriften sagen mir sehr zu und es war klar, dass ich dieses Buch sehr schnell gekauft habe. Ich bin letztlich, was Puppe angeht, alles andere als objektiv.

Bei dem neuen Buch (Büchlein) von Puppe handelt es sich um eine Methodenlehre – man lernt also nicht das „was“ (Was ist Strafrecht AT etc.), sondern das „wie“. Also z.b. das Schwergewicht bei Puppe: Wie funktioniert die Logik; sowohl für sich als auch im rechtswissenschaftlichen Kontext. Das Buch holt man sich also nicht, um unmittelbar für die Klausur zu lernen, gleichwohl aber profitiert man von dem Inhalt.

Inhaltlich ist es mit ca. 190 Seiten recht kurz gefasst und bietet die folgende Einteilung:

A. Die Begriffe im Recht
B. Die klassischen Methoden der Gesetzesinterpretation
C. Die Argumentationsformen der Rechtsfortbildung
D. Recht und Logik
E. Juristische Problemdiskussion
F. Die systematische Methode

Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Ein wenig sieht es aus, wie das, was man ohnehin aus anderen Büchern zur juristischen Methodik kennt. Ist es aber nicht – das geht speziell an diejenigen, die Puppe nicht kennen. Ich bringe es auf den Punkt: Puppe ist nicht wie die anderen. Und ihre Bücher auch nicht.

Das heißt vor allem, das die dargestellten Gedanken, speziell zur Logik im Recht, so mitunter einmalig sind. Puppe gibt hier einen sehr tiefgehenden Einblick, einen lohnenden den man als intelligenter Jurist auf keinen Fall verpassen sollte. Aber: Es ist auch die Grundlage ihres Denkens (natürlich nur ein Auszug davon – bei 190 Seiten). Und wenn man weiß, dass Puppe im Strafrecht AT bei fast jeder Streitfrage die „A.A./M.M.“ ist, muss man sich denken können, dass hier der Grundstein zu dieser Einstellung liegt. Sich auf die hier dargestellten Gedanken einzulassen heisst – für mich – vor allem eines, nämlich den Weg der h.M. regelmäßig zu verlassen. Wer das, was Puppe (hier) schreibt wirklich im juristischen Alltag anwendet, der kann letztlich gar nicht ernsthaft der h.M. so oft folgen, wie es die h.M. nunmal tut.

Ich sehe mich in dieser Deutung durch die Autoren in der JuS bestätigt, die es aber etwas dezenter, etwa wohlgeformter, ausdrücken:

Wer die Denkschule gelesen hat, begreift, dass es sich lohnt, einen wachen Widerspruchsgeist auch und gerade gegenüber dem juristischen Mainstream zu bewahren.

Gerade in Klausuren oder wissenschaftlichen Arbeiten, von den Examensklausuren ganz zu schweigen, kann die überzeugte stringente Anwendung dessen, was man hier liest, daher mitunter schädlich sein.

Dies aber auch, weil man erstmal verstehen, also begreifen, muss was Puppe da eigentlich schreibt. Und wer nun glaubt, bei 190 Seiten, dass man das schon schnell durch hat: Richtig. Und hier kommt der „Puppe-Effekt“: Ich prognostiziere jedem, der bei ihr in der Vorlesung sitzt oder ihre Schriften liest, dass er durchgehend das Gefühl haben wird, alles zu verstehen. Man liest Seite um Seite, auch in diesem Buch, und hat keinerlei Probleme. Bis zum Ende. Wenn Puppe dann aufgrund des vorher gesagten ihre bekannten logischen Schlüsse zieht und man dann merkt, dass man nicht mehr folgen kann.

Es ist gerade die sehr verständliche Sprache, der schon fast unterhaltsame Schreibstil, der das Buch einfacher wirken lässt, als es ist. Der grösste Vorteil – die unheimlich gelungene Darstellung der Methodenlehre – ist zugleich der grösste Nachteil, denn Puppe hat in diesem Buch nicht gekürzt und kommt deswegen mit nicht mal 200 Seiten aus, wo andere bis zu 400 brauchen. Puppe schreibt einfach sehr komprimiert, konzentriert sich auf das wesentliche, was vom Leser verlangt, auch wirklich jede Zeile umfassend nicht nur zu begreifen, sondern auch zu verinnerlichen.

Das Buch selbst setzt vor dem Hintergrund des StGB AT an, etwa um logische Fehler der Lehre darzustellen. Man muss das Strafrecht AT nicht „perfekt“ beherrschen um die kleine Schule zu lesen und zu verstehen, ein gewisses Grund-Fundament muss aber vorhanden sein. Daher ist das Buch wahrscheinlich eher für 2./3.-Semester geeignet.

Die Jurakopf-Einschätzung

Ganz klar: Kaufen und lesen. Danach dann nochmal lesen. Und wenn man einige Zeit über das dann zwei Mal gelesene nachgedacht hat, einzelne Probleme nochmals nachgeschlagen hat, ab dann darf man davon ausgehen, einen Teil des Inhalts verstanden zu haben. Dieses Buch ist faktische Pflichtlektüre von morgen – und wird viele junge Studenten zur Verzweiflung treiben.

Daten zum Buch

Ingeborg Puppe
Kleine Schule des juristischen Denkens
1. Auflage 2008
Preis: 12.90 €
ISBN 9783825230531
Verlag V&R / UTB

Rechtsanwalt Jens Ferner

Von Rechtsanwalt Jens Ferner

Ich habe mich als Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht fokussiert auf Rechtsfragen rund um Strafrecht, Technik & Arbeitsrecht: IT-Recht, IT-Vertragsrecht, Softwarerecht, künstliche Intelligenz, Datenschutzrecht, Medienrecht ebenso wie IT-Arbeitsrecht, IT-Strafrecht, digitales Werberecht & Urheberrecht. Ergänzend bin ich bei Ordnungswidrigkeiten und im Unternehmensstrafrecht tätig.

Meine juristische Expertise ergänze ich mit umfangreicher technischer Erfahrung als Programmierer & Linux-Systemadministrator inkl. Netzwerksicherheit, IT-Forensik & IT-Risikomanagement.

Hinweis: Ich persönlich habe mich auf die Beratung von Unternehmen konzentriert und vertrete Verbraucher nur noch bei Strafverteidigungen und im Arbeitsrecht. Ich schreibe im Blog mitunter gerne zu Themen für Verbraucher - das ändert nichts an meiner Tätigkeit!

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