Frotscher/Pieroth: Verfassungsgeschichte

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Wer hin und wieder Rezensionen von mir liest weiß, wie viel Wert ich auf Grundlagenfächer lege und vor allem, wie viel Spass es mir bereitet hat, hier unzählige Stunden zu investieren. Dass das Buch Verfassungsgeschichte bei mir dennoch erstmal einen schlechten Stand hatte, lag am Umschlagstext. Dort steht nämlich ein Satz, den ich nicht mehr sehen kann:

Sie [die Verfassungsgeschichte] gehört daher zum Pflichtprogramm des Jura-Studiums.

Ich denke, ich bin nicht der Einzige, der diesen Satz nicht mehr lesen kann. Gefühlt jeder zweite Aufsatz in juristischen Ausbildungszeitschriften wird damit garniert, wobei die Regel zu gelten scheint: Je abstruser das Thema, je wichtiger für das Examen. Dieses herbeireden der eigenen Existenzberechtigung ist dabei vergleichbar mit dem „offensichtlich“, das Studenten so gerne nutzen: Wäre etwas wirklich offensichtlich, müsste man es nicht in Klausuren betonen. Und wenn etwas wirklich wichtig ist im Examen, dann weiß das der Student auch.

Das Buch selbst gibt einen gelungenen Einstieg in die Verfassungsgeschichte. Dabei ist das Thema kein nationales, sondern ein globales – insofern fangen die Autoren auch mit der Nordamerikanischen und französischen Revolution an. Der Rest des Buches widmet sich dann der deutschen Geschichte:

  • Das Ende des HRRDN und die Reformen in Preußen
  • Der deutsche Bund und die Anfänge des Konstitutionalismus
  • Die Revolution von 1848 und die Paulskirchenverfassung
  • Die Restauration nach 1848 und die Gründung des deutschen Reiches
  • Der Spätkonstitutionalismus
  • Die Weimarer Republik
  • Der nationalsozialistische Staat
  • Demokratischer Neubeginn 1945 bis 1949

Schon der erste Blick zeigt die Schwäche dieses Buches, die zugleich aber die Schwäche der weitaus meisten deutschen Geschichtsbücher ist: Es endet 1949. Dabei sind vor allem zwei neuzeitliche Entwicklungen zumindest ein kleines Kapitel wert: Die Änderungen im Grundgesetz im Zuge des G10-Gesetzes von 1968 sowie die aktuellen Beeinflussungen durch den (internationalen) Terrorismus. Hier wird eine Chance verpasst, die man in Zukunft wahrnehmen sollte, denn Verfassungsgeschichte ist weder Selbstzweck noch reines Auslegungskriterium bei dem Verständnis der Verfassung – es ist auch rechtspolitisches Hilfsmittel bei der ständigen Fortschreibung und Weiterentwicklung unserer Verfassung. Erst bei diesem Thema zeigt sich, ob ein Jurist nicht nur sein Handwerk versteht, sondern sich auch seiner Verantwortung bewusst ist.

Das sind große Worte, keine Frage – und bis hierhin klingt es auch recht negativ. Ist aber nicht so gemeint, ich habe einfach die Kritikpunkte an den Anfang gestellt. Im Ergebnis ist es ein gutes Buch, dass ein wichtiges Thema gelungen aufbereitet. Einzig beim durch die Bank anstrengenden Schriftbild möchte man sich fragen, ob die Autoren ihr Skript auch mal in dieser Buchform selber gelesen haben. Da wird der gute Inhalt unnötig schwer zugänglich gemacht.

Wer das aber ignorieren kann wird belohnt: Mit einer Essenz der wichtigsten Informationen, die man überraschend schnell durchgelesen hat. Das dünne Büchlein täuscht übrigens, hier verbergen sich immerhin 400 Seiten Text hinter einem sehr griffigen Buch. Wer es zum ersten Mal in der Hand hat, wird sich da wundern.

Fußnoten kommen nicht vor, was sicherlich klug ist, andernfalls wäre es wohl noch schwieriger im Schriftbild. Schön ist die Idee, immer an den Anfang eines Kapitels eine tabellarische Zeittafel zu stellen. Die Autoren sind dabei zum Glück nicht dem Fehler verfallen und haben  eine ellenlange Liste mit Daten eingestellt. Stattdessen findet man zwischen 5und 10 Eckdaten vor jedem Kapitel, die einem durchaus nicht nur einen guten Überblick verschaffen, sondern beim Lernen (etwa für die Grundlagenklausur) sicherlich einen Anreiz darstellen, zumindest diese wenigen Daten auswendig zu beherrschen. Auszüge aus den originalen Verfassungen erleichtern zudem das Begreifen und Nachvollziehen der Entwicklungen.

Hierbei darf das Buch nicht als reine Darstellung der Verfassungen mißverstanden werden: Vielmehr werden die rechtsgeschichtlichen Entwicklungen erklärt, die zu den Normen geführt haben, wie sie am Ende existierten. Man lernt die Umstände der Zeiten kennen, die gesellschaftspolitischen Entwicklungen und die Gründe für Entscheidungen des Normgebers. Das hilft die Motivation nicht nur zu verstehen, sondern im nachhinein auch zu erkennen, wo vielleicht Fehler lagen. Ganz nebenbei bekommt man so auch nochmal einen sehr groben Grundkurs in Rechtsgeschichte.

Die Jurakopf-Einschätzung

Ärgerlich ist das Schriftbild, das sich als unnötige Hürde erweist, den gelungenen Text zu lesen.  Inhaltlich ist es wirklich überzeugend, sehr schön und zugänglich geschrieben. Das Buch selbst ist dabei sicherich kein Pflichtstoff, auch wenn ein grundlegendes Verständnis des Grundgesetzes unabdingbar ist. Die Verfassungsgeschichte kann dabei hilfreich sein, ein gesunder Menschenverstand und juristische Logik aber auch. Dieses Buch ist kein Zwang, wer es nicht liest, der fällt nicht automatisch irgendwo durch. Wer es aber nicht liest, der verpasst etwas – nämlich die Chance, sich als Juristen weiterzubilden. Juristerei ist, und das predige ich hier oft genug, mehr als nur Schemata anzuwenden und Verträge rückabzuwickeln. Ein guter Jurist versteht das System, kann Normen begreifen und dem Laien erklären warum eine Norm existiert (auch wenn der moderne Gesetzgeber sich alle Mühe gibt, dieses Erklären ad absurdum zu führen).

Mit der Verfassungsgeschichte von Frotscher/Pieroth schult man diese Fähigkeiten. Man erwirbt ein ebenso unbezahlbares Wissen, wie auch in Klausuren im Regelfall unnützes Wissen (von der speziellen Klausur im Grundlagenfach natürlich abgesehen). Ich möchte dieses Buch empfehlen – aber nicht für den Juristen in der Uni, sondern für den Juristen, der an sich selbst arbeiten möchte.

Daten zum Buch

Werner Frotscher / Bodo Pieroth
Verfassungsgeschichte
Verlag C.H.Beck
Reihe: Grundrisse des Rechts
8. Auflage
ISBN 9783406595325
Preis: 22 Euro