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Walter: Kleine Stilkunde für Juristen

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Nachdem Tonio Walter vor kurzem seinen Aufsatz zur Stilkunde frei im Netz zur verfügung gestellt hat (hier zur Erinnerung), war es für mich nur Formsache, sein dazu gehörendes Buch (Büchlein) zu kaufen. Nicht nur weil der Artikel gut war, sondern auch weil man jedes Bemühen dieser Art belohnen muss.

Sein Buch ist nicht gerade günstig, auf jeden Fall Lesenswert – aber sollte nicht unkritisch hingenommen werden.

Gute 250 (kleine) Seiten umfasst das Büchlein und an einem regnerischen Tag hat man es an einem Nachmittag gut durchgelesen. Inhaltlich wird es im Kern von 4 Stichpunkten dominiert:

  1. Stilregeln
  2. Stilmittel
  3. Stilfragen
  4. Stilsünden

Der Inhalt selbst ist nicht zu kritisieren, was Walter schreibt ist im Großen und Ganzen hinlänglich bekannt (sollte es jedenfalls sei) und eine ausgezeichnete, moderne, Zusammenfassung der Thematik. Wer es liest, und ich mache es da sehr kurz, wird belohnt, wird seine Freude haben, und für die Zukunft (wenn er oder sie es sich denn merkt) ein gutes Handwerkszeug haben.

Doch es gibt einen Kritikpunkt. Seit einer kleinen Ewigkeit, schon in Preußen war es vielzitiertes Thema (Kabinettsorder vom 14.4.1780), wird debattiert, wie verständlich die juristische Sprache sein muss. Und dabei wird es auch schnell politisch. Walter selbst spricht das Thema nur zwischen den Zeilen an, etwa in der Einleitung, wenn er in den Fokus stellt, dass der Leser nunmal ein verständliches Werk präsentiert bekommen möchte. Dabei, und eben das will hinterfragt werden, setzt er guten juristischen Stil mit Verständlichkeit gleich. Man mag hier streiten, ich jedenfalls sehe es anders.

Um es zu vedeutlichen verweise ich auf das Ende des Buches, das „Textbeispiel“: Er analysiert hier ein Lehrbuch (Hohmann/Sander, StGB AT) auf Stilregeln. Eindrücklich, vor allem da es ihm selbst nicht zur Selbstkritik gereicht, ist da z.B. der Punkt 5, zu finden auf Seite 234: Er kritisiert an dieser Stelle, dass der angesprochene Satz mit „im übrigen“ beginnt. Dabei muss der aufmerksame Leser feststellen, dass „im übrigen“ in seiner etwas verharmlosenden Bedeutung (so meine flapsige Ausdrucksweise) falsch ist. Denn es sei gerade nicht „im-übrigen“ zu verstehen, sondern besonders wichtig.

In der sprachlichen Analyse ist das nicht falsch, aber analysiert der unbedarfte Student wirklich so die Sätze? Ist „im übrigen“ nicht vielmehr ein füllender Begriff, der zwar falsch verstanden werden kann, es in dieser Stringenz aber sicherlich nicht wird? Ist man nicht letztlich sogar dankbar, dass ein Lehrbuch wenigstens annähernd so geschrieben ist, dass man es zumindest lesen kann? Wozu das führt findet man dann direkt auf Seite 236 (Satz 6), wo der Autor anmerkt, dass im angeführten Beispielssatz z.B. das „soweit“ gestrichen werden kann. Klar kann es das. Man kann auch zwei Sätze vor diesem Satz das „direkt“ streichen. Möchte ich aber nicht, denn meine Texte wollen gelesen werden. Und ich wage zu prognostizieren, dass rein technische Sätze, nackt und ohne Füllwörter, nur wenig Leser finden. Und letztlich auch nicht verständlich sind.

Wieder zurück zu obigen Gedanken: Inhaltlich hat er Recht. Doch sein Text sollte nicht nur gelesen werden und auch nicht nur angewendet werden – man muss ihn reflektieren, begreifen wozu die Anwendung in letzter Konsequenz führt und lernen, zu unterscheiden, wann man die gezeigten guten Regeln mit welcher Stringenz anwendet. Das zu begreifen ist auch ein Stück persönlicher Wertung, vielleicht ist es gar nicht möglich, hierzu ein Buch zu schreiben. Wie schwierig dies letztlich ist, beweisen manche Kommentatoren auf dieser Seite, die in meinem Blog die Regeln anwenden, die ich bestenfalls in einem wissenschaftlichen Werk anwenden würde. Übrigens eine der grössten Schwächen von Juristen: Die fehlende Fähigkeit (und/order der fehlende Wille), zwischen „Alltag“ und „Juristerei“ zu unterscheiden.

Zur Verbildlichung zitiere ich einen Absatz von Walter auf Seite 214 (a.E.), in dem er auf ein Vorwort von Habermas eingeht. Möge jeder für sich entscheiden, in wie Weit hier von „Verständlichkeit“ zu sprechen ist:

Lieber Leser, auch ich verstehe die Analyse der allgemeinen Strukturen verständigungsorientierten Handlens nie und nimmer als Fortsetzung der Erkenntnistheorie mit anderen Mitteln. Hinwiederum begreife ich die Analyse der allgemeinen Strukturen verständigungsorientierten Schreibens sehr wohl als Fortsetzung des gesunden Menschenvestandes mit ähnlichen Mitteln. Und so hat mich, während ich jenes Vorwort las, die Ahnung angefaßt, dass der Verfasser sich vielleicht doch der einen oder anderen kognitiv-instrumentellen Verkürzung hätte hingeben sollen, statt ihr zu widerstehen.

Alles Klar?

Mein Fazit zum Buch, und das mag jetzt kurzzeitig überraschen: Kaufen, lesen, begreifen, anwenden. Und irgendwo, zwischen „lesen“ und „anwenden“ muss dann noch das „nachdenken“ stehen – ohne eigene Gedanken zum Thema wird es wertlos sein. Nach langer Zeit (für mich seit dem „Kleinen Formalisten“) war es nochmal ein sehr nützliches und gut geschriebenes Buch zum Thema. Jeder Jurist findet hier eine Art kleinen „Knigge“, ein gutes Rüstzeug zum Schreiben. Es ist aber weder eine Bibel, noch ein Ersatz für das eigene Hirn: So wie unsere Gedanken und Ideen uns als gute Juristen auszeichnen, so ist es auch der individuelle Sprachgebrauch, der hilfreich ist. Ein wenig wie mit juristischen Argumenten – nachplappern kann sie jeder, Erfolg mit reinem Nachplappern hat aber keiner.

Rechtsanwalt Jens Ferner

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