Kategorien
Zusatz

Kühl: Strafrecht AT

“Nicht noch ein Lehrbuch zum StGB AT” war das erste was mir durch den Kopf ging, als ich den Kühl in der aktuellen Auflage in der Hand hielt. Ich war auch etwas überrascht, dass er mir zugestellt wurde, ist meine Einstellung zu reinen Lehrbüchern doch hinlänglich bekannt. Aber: Der Schein trügt mitunter und es ist gut, sich über seine Vorurteile hinweg zu setzen.

Hinweis: Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zugestellt

Neugierig wurde ich, als ich das Literaturverzeichnis überflogen habe: Da steht gleich auf der ersten Seite eine Quelle, die mich verwirrt hat in einem Lehrbuch eines Uni-Professors:

Alpmann/Schmidt AT1 und AT2

Findet man so nicht oft. Um nicht zu sagen so gut wie gar nicht. Im Zuge dessen habe ich mir das Vorwort angesehen und fand dort folgendes:

“[…] es geht nicht um einen weiteren, originellen AT mit eigenem System […] sondern um die Darstellung des Stoffes auf dem Boden des […] herrschenden Systems […] Man könnte das Lehrbuch deshalb auch ebenso gut als Lernbuch bezeichnen.”

Wer – wie ich – einige Lehrbücher bekannter Autoren (Roxin, Jescheck, Baumann, Jakobs) ernsthaft durchgearbeitet hat, der weiss dass dieser letzte Satz der grösste Anspruch ist, den man wohl haben kann bei einem solchen Autor. Auch wenn die vorgenannten Werke allesamt gute Bücher sind (Jakobs sogar ausgezeichnet, Roxin sehr gut), so sind sie keine Lernbücher. Und so sehr sich einer dieser Autoren auch bemüht hat: Auf der Ebene des Lernbuchs, also des zugänglichen Lernens und Begreifens, konnte mich keiner überzeugen.

Beim Kühl nun muss man erstmal relativieren: Die Seitenzahl nämlich. Das Buch ist sehr dick, direkt mal doppelt so dick wie der Wessels – das heisst aber nichts. Wie in jedem guten Lehrbuch wird der LEser hier mit vielen Fundstellen in Fußnoten versorgt, die mitunter mal die halbe Seite in Beschlag nehmen. Ganz grob geschätzt würde ich sagen, von den 800 Seiten sind es letztlich ca. 400 reiner Lern-Text ohne Fundstellen. Das ist Wessels-Niveau im positiven Sinn.

Wenn man das verstanden hat, nimmt man dem Buch seine etwas erschreckende Wirkung – was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Autor an wichtigen Stellen auf optische Hilfsmittel verzichtet.
Einerseits beweist er, dass er seinem eigenen Anspruch gerecht wird (Im §1 sagt Kühl, er will auf die Klausur vorbereiten), indem er vernünftige Aufbauschemata präsentiert. Andererseits aber nutzt er die heute gängigen Untermalungen nicht, etwa eine Hervorhebung, eine Rahmensetzung – irgendwas halt. Die Aufbauschemata sind im Fließtext als normaler Text ohne besondere Hervorhebung enthalten, als Beispiele auf Seie 7 und 432 sehen.
Das bringt inhaltlich keine Abstriche, ja sogar Pluspunkte weil zu viele Lehrbuchautoren bis heute auf Schemata verzichten die für die Klausur aber unerlässlich sind, es ist beim Lesen (und vor allem beim späteren Suchen) aber dennoch störend.
Als weiteres Beispiel für den (potentiellen) Leser kann auch der Rücktritt vom erfolgsqualifizierten Delikt dienen: Einfach im Wessels Rn. 654a aufschlagen. Die grafisch aufbereitete schematische Darstellung hat man in 5 Minuten verstanden. Im Kühl findet man das ab Seite 568ff. – hier braucht man etwas länger, wobei da schwierige Thema von Kühl dennoch in herausragend verständlicher Sprache transportiert wird.

Es ist die einzige Kritik, die ich ihm wirklich vorhalten möchte, denn das Buch ist gut. Ein wesentlicher Pluspunkt, der das Werk aus der Masse der Bücher zum Thema hervorhebt, ist das Konzept der “Übungsfall-Literatur”. Kühl bringt regelmässig Beispiele, bespricht aber keine Fälle – und es ist wohl das erste Mal, dass es dafür keine Negativ-, sondern Positiv-Punkte von mir gibt. Denn Kühl meint, ein Lehrbuch (in §1 Rn.1 spricht er selber vom Lehrbuch, auch wenn er im Vorwort den Vergleich zum Lernbuch sucht, dazu später mehr) müsse nunmal kennenden Stoff vermitteln – daneben noch Fälle zu lösen wäre ein “zu viel”. Für das Lehrbuch stimmt das in der Tat – was ja eben eines der grossen Probleme dieser Bücher ist.

Kühl hat nun einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden, indem er die “Übungsfall-Literatur” aufgenommen hat. Aus den bekannten und sehr guten Fallsammlungen zum Strafrecht, über die Sammlungen von Rudolphi, Beulke bis hin zu den Fällen in den Ausbildungszeitschriften, hat er ja nach Themengebiet alle relevanten herausgesucht und in einer Liste zusammengestellt. So kann man dann z.B. zur Notwehr die Fälle raussuchen und lösen, wobei er für die Unterpunkte der Kapitel (etwa “Folter als Notwehr”) jeweils eigene Fallsammlungen hat. Er weist richtigerweise darauf hin, dass man eben nicht alle Fälle lösen soll, sondern dass die umfassende Sammlung dazu dient, jedem zu helfen, gleich welche Literatur er nun hat oder nicht – man muss also dank Kühl gerade keine umfassende Bibliothek haben.

Wie weit das geht liest man im §1 Rn.2, wo der Autor (vorsätzlich oder fahrlässig, er spricht jedenfalls von “unbeabsichtigt”) durch dieses Konzept der Übungsfall-Literatur seinem Buch eine ganz besondere Klausurausrichtung gibt, wenn er schreibt:

“Ein nicht beabsichtigtes Nebenprodukt dieses Einbezugs der Übungsfall-Literatur ist die von sonstigen AT-Lehrbüchern zum Teil abweichende Intensität der Stoffvermittlung: Gebiete, in denen viele Übungsfälle vorhanden waren, sind breiter als üblich dargestellt […], Gebiete in denen sich kaum Übungsfälle finden, sind eher kurzgehalten […].”

Was heisst das im Umkehrschluss: Das Buch weist aufgrund dieser Orientierung eine gewisse Orientierung an Klausurschwerpunkten auf, die aufgrund des Zusammenhangs zwischen Fallsammlung und Inhaltsdarstellung nicht treffender sein könnte.

Diese insgesamt gelungene Ausrichtung auf die Klausur, der klare Schreibstil, das richtige Setzen von Schwerpunkten weg von rechtsdogmatischen Fragen die selbst in Übungen keine Rolle spielen: All das prägt in der Tat den Charakter eines “Lernbuches” und eignet das Buch herausragend zum Lernen des Stoffes. Dass dieses Lehrbuch defintiv “für die Klausur” verfasst ist, merkt man z.B. wenn man die Ausführungen zur Schuld liest: Erklärungen zu den Schuldbegriffen (derer es viele gibt, die für die Klausur herzlich unbedeutend sind) sucht man vergeblich – selbst der Wessels führt hierzu einiges aus. Wer es aber wissen will, der findet problemlos genügend Fundstellen bei Kühl um es nachzuschlagen – in dem festen Wissen, es “für sich”, aber nicht “für die Klausur” zu tun.

Aber: Abstriche gibt es bei der optischen Aufbereitung. Und auch bei der Darstellung von Fundstellen wird der Lehrbuchcharakter deutlich – nicht nur bei den Fußnoten, die man während des Lesens außen vor lassen kann.
Als Beispiel wieder eine Gegenüberstellung: Zunehmend auch in der Uni schlägt das Thema Folterverbot bei den Rechtfertigungsgründen auf. Der Wessels stellt dies in einem Absatz (Rn.289a) kurz mit guten Fundstellen dar. Beim Kühl (Rn.156a) ist alleine die Fundstellensammlung zur so genannten “Rettungsfolter” fast so lang wie die Darstellung beim Wessels insgesamt. Kleine Kritik gibt es auch beim Sachwortverzeichnis, das erst einmal hervorragend ist, da sehr umfangreich und detailliert.
Allerdings hat die Sammlung von Übungsfällen es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, wünschenswert wäre ein Sachwortverzeichnis nur für Übungsfälle – so findet man im Sachwortverzeichnis weder die “Selbstschußanlage” noch die “Zeitschaltuhr”, die aber im §7 unter Rn.43 (mit Fällen) erwähnt werden und gerade in Anfänbgerübungen beliebt sind. Hier wird das Potential der Übungsfall-Literatur noch nicht ganz ausgeschöpft, wer die Systematik aber verstanden hat, findet über das Inhltsverzeichnis problemlos die passenden Fälle.

Die Jurakopf-Einschätzung

Eine Empfehlung war für mich anfangs schwierig, denn der Kühl ist definitiv sehr gut – seine Gratwanderung, der versuchte Spagat, zwischen Lernbuch und Lehrbuch macht es aber nicht einfach, sich festzulegen. Ist er für Anfänger geeignet? Auf jeden Fall. Besteht die Gefahr, dass sich Anfänger – wie in jedem Lehrbuch – von Fundstellen und Fallsammlungen “erschlagen” fühlen? Leider ja. Andererseits aber bietet dieses Buch eben jene Ausrichtung auf universitäre Klausuren, die andere Bücher vermissen lassen. Und als Student muss man nunmal auch lernen, Literatur zu sichten, zu filtern und sich zu entscheiden.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass das Buch von Kühl ein herausragendes Buch ist, dass sich sicherlich an die anspruchsvolleren Studenten wendet. Es ist in seinem Konzept durchdacht und ein überzeugender Ansatz, ganz besonders hinsichtlich der Orientierung an der “Übungsfall-Literatur”. Ich möchte es für die (vertiefende) Wiederholung des StGB AT auf jeden Fall empfehlen. Mit Blick auf die Übung kann ich nur dringend anraten, darauf zu achten welche Schwerpunkte der Prof in der Übung setzt und jedenfalls diese Schwerpunkte mit dem Kühl und dessen Übungsfällen zu wiederholen.

Daten zum Buch

Kristian Kühl
Strafrecht AT
6. Auflage
Verlag Vahlen
ISBN 9783800635726
Preis: 29,90 Euro

Rechtsanwalt & Strafverteidiger bei Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf
Im Raum Aachen & Heinsberg als Strafverteidiger und Fachanwalt für IT-Recht Ihr Ansprechpartner im gesamten Strafrecht mit den Schwerpunkten Strafverteidigung & Cybercrime und Persönlichkeitsrecht. Weiterhin im Ordnungswidrigkeitenrecht, speziell bei Bußgeldern von Bundesbehörden. Er arbeitet zusammen mit Fachanwalt für Strafrecht Dieter Ferner, dem Kanzleigründer, der im Strafrecht und Verkehrsrecht tätig ist.
Rechtsanwalt Jens Ferner: Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht
Letzte Artikel von Rechtsanwalt Jens Ferner: Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht (Alle anzeigen)

Rechtsanwalt Jens Ferner: Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht

Von Rechtsanwalt Jens Ferner: Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht

Im Raum Aachen & Heinsberg als Strafverteidiger und Fachanwalt für IT-Recht Ihr Ansprechpartner im gesamten Strafrecht mit den Schwerpunkten Strafverteidigung & Cybercrime sowie Arbeitsrecht und Persönlichkeitsrecht. Weiterhin im Ordnungswidrigkeitenrecht, speziell bei Bußgeldern von Bundesbehörden. Er arbeitet zusammen mit Fachanwalt für Strafrecht Dieter Ferner, dem Kanzleigründer, der im Strafrecht und Verkehrsrecht tätig ist.

Kommentare sind geschlossen.