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Zivilrecht & ZPO

Haftung für Verletzungen beim Kampfsport

Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf: 02404 92100

Durchaus interessant ist eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm, 9 U 127/20, in der es um die Haftung eines Kampfsportlehrers gegenüber seiner Schüler geht. Im Kern geht es um den Vorwurf, dass die Schülerin mit einem nicht trainierten Fußfeger konfrontiert und auf Grund des Sturzes verletzt wurde:

Die Klägerin hat behauptet, der Beklagte zu 2) habe völlig unnötig einen dem Wing Tsun fremden, riskanten Tritt angewendet, der nie Gegenstand des Unterrichts und auf den sie, noch Anfängerin, nicht gefasst gewesen sei. Sie habe sich, auf das linke Bein gestützt, mit ausgestrecktem rechten Bein in der Hocke mit dem Rücken zum Beklagten zu 2) und somit in wehrloser Position befunden.

Haftung beim Kampfsport auch für Lehrer

Nun hebt das OLG hervor, dass man in Trainingssituationen zwischen Schüler und Trainer, im Hinblick auf die bei Kampfsport- oder Kampfkunstarten nie völlig auszuschließende Verletzungsgefahr, eine rechtswidrige Pflichtverletzung nur dann annehmen kann, wenn die schadensstiftende Handlung in der konkreten Situation als regelwidrig oder aber fehlerhaft ausgeführt anzusehen ist.

Aber – und das sollte Kampfsport-Schulen aufhorchen lassen – eine grundsätzliche Beschränkung der Haftung soll auf keinen Fall in Betracht kommen:

Dabei ist eine Haftung der Beklagten für das Unfallereignis keineswegs, wie das Landgericht angenommen hat, auf Vorsatz und grobe Regelverletzungen beschränkt. Denn eine solche Haftungsbeschränkung, wie auch immer sie dogmatisch begründet werden mag, ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes nur in sportlichen Wettkampfsituationen mit hohem Verletzungsrisiko gerechtfertigt (vgl. etwa BGH, Urteil vom 07.02.2006, VI ZR 20/05), sodass sich die Anwendung dieser Grundsätze auf das hier bestehende Schüler-Lehrer-Verhältnis in einer Trainingssituation im Rahmen eines bestehenden Schulungsvertrages von vornherein verbietet.

Darüber hinaus gelten diese Grundsätze nicht, soweit für etwaige, bei Ausübung des Sports mögliche Verletzungen Versicherungsschutz besteht (BGH, Urteil vom 29. Januar 2008, VI ZR 98/07), wie es hier der Fall ist.22

Oberlandesgerichts Hamm, 9 U 127/20

Wir Anwälte kennen das Spiel seit Jahrzehnten ganz gut, inzwischen wenden die OLG die Regel faktisch überall an: Wenn eine Versicherung im Hintergrund steht, lässt man lieber überobligatorisch haften. Wie in einer Kampfsportschule der Alltag des Trainierens aussehen soll, wenn man bei jedem Trainingskampf Sorge haben muss vor einer Klage, bleibt das Geheimnis der OLG-Richter.

Keine Prüfung ohne Sachverständigen

Durchaus irritierend ist es, wenn man lesen muss, dass das Landgericht sich auf einer Homepage „schlau gemacht“ hat und glaubte, als offenkundige Tatsache im Sinne der ZPO behandeln zu dürfen, dass es überhaupt einen „Fußfeger“ gibt. Dass dies wenig mit der Frage zu tun hat, ob dieser in der konkreten Situation schulischen Trainings angemessen oder üblich war und insbesondere ob er regelgerecht ausgeübt war, muss sich dann das Landgericht ins Stammbuch schreiben lassen. Das OLG hebt durch die Wortwahl des gravierenden Verfahrensfehlers wohl hervor, dass man hier an Basics gescheitert ist:

Diese Fragen lassen sich ohne sachverständige Hilfe nicht klären. Insoweit hat das Landgericht einen gravierenden Verfahrensfehler begangen, als es die Tatsache der Anwendung eines Fußfegers nach Lektüre einer einschlägigen Homepage im Internet als regelkonform angesehen und mit Rücksicht auf § 291 ZPO die Einholung eines Sachverständigengutachtens unterlassen hat. Offenkundig i. S. d. § 291 ZPO sind nur solche Tatsachen, über die das Gericht zuverlässige offenkundige Kenntnis hat, so etwa allgemeinkundige Tatsachen, Erfahrungssätze oder dem Richter aus seiner amtlichen Tätigkeit bekannte Tatsachen.

Dabei sind allgemeinkundig nur solche Tatsachen, die der Richter aufgrund eigener, mit der Allgemeinheit geteilter Wahrnehmungen weiß, sowie allgemein verbreitetes Wissen (Greger in Zöller, ZPO, 33. Aufl., 2021, § 291, Rz. 1 b). In diesem Sinne offenkundig ist es selbstverständlich nicht, ob der Fußfeger im Wing Tsun-Sport gestattet ist oder nicht, erst recht nicht, ob er in der konkreten Situation zulässig war und korrekt ausgeführt wurde. Das Landgericht durfte daher keinesfalls die Einholung des von der Klägerin in 1. Instanz bereits beantragten Sachverständigengutachtens durch die Einsichtnahme einer Homepage im Internet ersetzen.

Also: Haftung grundsätzlich ja und durchaus ausufernd – ohne Sachverständigen für die Kampfsportart wird es aber nix. Was die Kosten des Verfahrens nochmals explodieren lässt.

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Von Rechtsanwalt Jens Ferner

Rechtsanwalt Jens Ferner ist Strafverteidiger und Fachanwalt für IT-Recht in der Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf. Unsere Rechtsanwälte sind täglich verfügbar und spezialisiert auf Strafrecht und IT-Recht. Zusätzlich sind wir tätig im Verkehrsrecht, Arbeitsrecht sowie im digitalen gewerblichen Rechtsschutz. Wir bieten einen Telegram Kanal sowie ein LinkedIN-Profil.

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