Im Frühjahr 2026 sequenzierte der britische Mediziner und Machine-Learning-Spezialist Seth Howes sein eigenes Genom auf dem Küchentisch. Das Gerät kostete bei eBay knapp 3.000 Euro, eine KI führte ihn Schritt für Schritt durch das Verfahren. Wer daraus schließt, dass der nächste Pandemieerreger aus einer Hobbyküche kommt, hat einen Denkschritt zu viel gemacht. Wer daraus schließt, dass nichts passiert ist, hat einen zu wenig.
Meine These vorweg: Das Zusammenspiel von KI und synthetischer Biologie verdient Aufmerksamkeit, aber es verdient sie nicht in der Schärfe, in der es aus meiner Sicht gerade thematisiert wird. Es verhält sich für mich vielmehr ähnlich wie schon die (schwelende) Diskussion zu Waffen aus dem 3D-Drucker. Technisch nachweisbar, medial dankbar, praktisch bislang randständig, regulatorisch an genau einer Stelle sinnvoll adressierbar. Für Fiktion reicht es allerdings glänzend.
„Das Szenario“ von Jacobsen
Annie Jacobsen hat mit „Biological War: A Scenario“ den Nachfolger ihres Bestsellers „Nuclear War“ vorgelegt, ich wurde über Rezensionen im NewYorker und NewYorkTimes darauf aufmerksam: Das Buch beginnt mit einer Explosion im sibirischen Forschungszentrum Vector, einem der beiden offiziellen Verwahrorte lebender Pockenerreger, dessen Gefrierschränke auch Ebola und Marburg enthalten. Der reale Vorfall vom 6. September 2019, den russische Behörden auf einen defekten Gastank schoben, wird zum Ausgangspunkt eines fiktiven Szenarios, in dem das Feuer nicht gelöscht wird.
Was folgt, ist ein Chimären-Erreger: eine Lungenpest, in deren Genom Gene der Pferdeencephalitis gespleißt sind. Die Infektion beginnt mit euphorischer Geselligkeit, damit der Träger möglichst viele Menschen trifft. Antibiotika lösen den zweiten, versteckten Erreger aus. Die vermeintliche Heilung wird zum Todesurteil und zerstört jedes Vertrauen in Medizin. Ein amerikanischer Jagdtourist trägt den Erreger über einen Zwischenstopp in Frankfurt nach Texas. Nach sechs Tagen wäre statistisch jeder Amerikaner infiziert, der nicht in Vollschutz oder extremer Isolation lebt. Ein Kapitel heißt „The Last Day of American Democracy“.
Jacobsen hat dafür Präsidentenberater, Pentagon-Beamte, CIA-Leute für Massenvernichtungswaffen, FEMA-Mitarbeiter, Epidemiologen und Sam Altman interviewt. Ihre Recherchetiefe scheint beträchtlich zu sein, ihr Ton der eines Behördenprotokolls … und genau das erzeugt den Sog (ich fürchte, ich muss es auch nochmal auf Deutsch lesen), gerade für diejenigen, die dystopische Science Fiction zu schätzen wissen und in Stephen Kings „The Stand“ gerne Nachts hängen blieben. Dwight Garner hat in der New York Times zugegeben, dass er beim Lesen in der U-Bahn seine Station verpasste.
Allerdings: KI kommt bei Jacobsen auf wenigen Sätzen am Buchende vor, im Kern mit der Bemerkung, dass solche Waffen inzwischen von Personen mit minimaler biologischer Ausbildung gebaut werden könnten, unterstützt durch zunehmend verfügbare KI-Systeme. Der Rest ist Kalter Krieg: Biopreparat, Dark Winter, sowjetische Überläufer. Das Buch handelt nicht von KI. Es wird nur in einem Klima gelesen, in dem alles von KI zu handeln scheint.
Gideon Lewis-Kraus hat im New Yorker eine interessante Beobachtung gemacht: Das „Szenario“ ist zur Mode in der Popkultur geworden. Jacobsens Atomkriegsbuch, „AI 2027“ der rationalistischen Prognostiker, „Europe 2031“ europäischer Politikforscher, Yudkowskys „If Anyone Builds It, Everyone Dies“ … in allen sterben am Ende praktisch alle. Seine Kritik dann auch: Jacobsens Buch ist zugleich verstörend und merkwürdig träge, weil sie so viele belegbare Präzedenzfälle für ein präzedenzloses Ereignis zusammenträgt, dass am Ende ein Vergleich mit Afghanistan 2012 steht. Ein Buch über das Unvorstellbare, das sich an lauter Vorstellbares hält. Ich weiss aber nicht, ob nicht genau hier auch die Stärke liegt, denn die Apokalypse ist doch ohnehin ständiges Thema. Dazu kann ich zB von Jakob „Endzeit“ empfehlen, sehr umfangreich dazu dann von Horn „Zukunft als Katastrophe“ oder pointierend Weisman „Die Welt ohne uns“. Womöglich leben wir gerade in einer Zeit, in der eben die Mischung aus Banalität und Horror deutlich machen, wie Möglich vieles ist – und doch so fern.
Biowaffen und KI: Wo stehen wir denn wirklich?
Die Fachlage 2026 trennt zwei Werkzeugklassen: Sprachmodelle senken Barrieren, biologische Designwerkzeuge wie AlphaFold 3, RFdiffusion oder Evo 2 steigern Fähigkeiten. Die Zahlen sind durchaus unangenehm, etwa wenn man liest, dass OpenAIs o1 Fragen zur Freisetzung biologischer Waffen zu 80 Prozent korrekt beantwortet und Pläne lieferte, die denen promovierter Experten überlegen waren. o3 und Gemini 2.5 Pro übertrafen im Virology Capabilities Test 94 Prozent der promovierten Virologen. Ein Biodesign-Modell erzeugte ohne Sicherheitsfilter 1.020 toxische Proteine. MegaSyn, ein Programm zur Arzneimittelsuche, entwarf nach Umkehrung seiner Belohnungslogik in sechs Stunden über 40.000 Kandidatenmoleküle mit Chemiewaffenpotenzial.
Dann kam der September 2025. Ein Team um Samuel King am Arc Institute und in Stanford ließ sich von Evo 2 Bakteriophagen-Genome entwerfen, wählte aus Tausenden Entwürfen rund 300 aus und erhielt 16 funktionale Phagen, deren Mischung im Labor die Resistenz dreier E.-coli-Stämme überwand. CEPI-Chef Richard Hatchett sprach beim World Health Summit vom „zusätzlichen Schreckgespenst“ KI-generierter Pathogene.
Und hier wird es interessant, weil die deutschen Fachleute die Sache deutlich kühler sehen als die Schlagzeilen, etwa wenn Phagen als „exzessive Mutagenese“ eines besonders gut verstandenen Ausgangsvirus und nicht als neues Genom bewertet werden. Der Systembiologe Michael Knop hält generierte Sequenzen für teilweise „biologisches Kauderwelsch“, weil die Trainingsdaten über die Bedeutung von Sequenzen noch sehr unvollständig sind. Der Molekularbiologe Jakob Wirbel formuliert es knapp: Auf Knopfdruck lassen sich keine Viren erzeugen. Der TAB-Bericht des Bundestags kommt zu dem Ergebnis, dass die gezielte Verbesserung komplexer Erregereigenschaften fraglich bleibt und die Erzeugung völlig neuer Erreger derzeit außerhalb der Reichweite von KI-Modellen liegt.
Das Robert Koch-Institut hält Anschlagsszenarien mit KI-erzeugten Agenzien gegenüber Anschlägen mit konventionellen, bekannten biologischen Stoffen für nachrangig. RAND fand 2024, dass die untersuchte Modellgeneration das Risiko eines großangelegten biologischen Angriffs nicht messbar veränderte. Oder kurz: Ein Chatbot baut wohl keine Biowaffe, doch KI senkt Zugangs-Barrieren. Plausibel sind nach Einschätzung von Fachleuten dagegen örtlich begrenzte Anschläge, etwa mit antibiotikaresistenten Keimen an Kliniken oder Schulen, wofür die Ausstattung mittlerer Universitätslabore genügt. Das ist ernst aber eben Gefahrenabwehr im klassischen Sinn.
Der eine Punkt, an dem Regulierung greift
Wer regulieren will, sollte nicht bei den Modellen anfangen. Der TAB-Bericht benennt als zentralen Ansatzpunkt die Schnittstelle zwischen digitalem Entwurf und realem Molekül: DNA-Synthese, Benchtop-Geräte, Cloud-Labore, automatisierte Plattformen. Ich denke auch, dass hier die Lücke am größten und am billigsten zu schließen ist, denn das Screening bestellter Sequenzen ist bislang eine freiwillige Selbstverpflichtung des Gensynthese-Konsortiums. Im Januar 2026 brachte der US-Senat den Biosecurity Modernization and Innovation Act ein. Am 3. Juni 2026 forderten über 60 KI-Vorstandschefs, darunter Altman, Amodei und Hassabis, vom Kongress verbindliche Kundenprüfung, Datenbankabgleich und Aufzeichnungspflichten bei DNA- und RNA-Bestellungen. Das Oxford Journal of Law and the Biosciences verlangt im Februar 2026 die Klarstellung, dass bestehende Verträge synthetische Nukleinsäuren erfassen, plus harmonisierte Screening-Standards.
Der EU AI Act erfasst biologische Dual-Use-KI nicht ausdrücklich und das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz adressiert klassische Biowaffen, nicht aber synthetische Biologie. Ein ZKBS-Vertreter hält eine Änderung des Gentechnikgesetzes gleichwohl für nicht erforderlich, sieht die Risikobewertung nicht aus der Natur bekannter DNA aber als Gratwanderung. Diese Zurückhaltung halte ich für richtig: Vorschnelle Gesetzgebung gegen ein Szenario, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit niemand seriös quantifizieren kann, produziert Bürokratie und Standortnachteile, ohne das Whack-a-Mole-Problem zu lösen: Jede Maßnahme wird durch Open-Source-Alternativen oder Verlagerung kompensiert.

Und nun?
Ich liebe dystopische Science Fiction und kann insoweit für mich sagen, dass Jacobsens Buch auf guter Recherche zu basieren scheint und Fiktion ist die Spaß macht. Ihr eigener Satz taugt als Maßstab für die ganze Debatte: Die Werkzeuge entwickeln sich schneller als die Regeln, und in hier lebt auch unsere heutige Gefahr, die im BioTechCreime durchaus real ist. Wir brauchen weniger Panik als mehr Druck im Thema und das heisst: Sequenzbestellungen überwachen, Cloud-Labore erfassen, Modelle mit biologischen Fähigkeiten vor Veröffentlichung prüfen, Detektions- und Reaktionsfähigkeit ausbauen. Das ist unspektakuläre Verwaltungsarbeit und deshalb genau das Gegenteil dessen, was ein Szenario erzählen kann. Wer das Thema literarisch mag, ohne die KI-Überschrift, findet übrigens in Paolo Bacigalupis „Biokrieg“ die überzeugendere Variante. Dort sind es Agrarkonzerne, Genpiraten und mutierte Nutzpflanzen, die eine Gesellschaft aushöhlen, langsam und ökonomisch statt in sechs Tagen. Der Roman kommt ohne Superintelligenz aus und wirkt deshalb erwachsener. Manchmal ist die realistischere Dystopie halt die, in der niemand einen Knopf drückt und deren bedrückender Alltag einen ein Stück weit runterzieht.
