Filesharing-Abmahnungen: Jahresstatistik 2011
13. Februar 2012 eingestellt von Rechtsreferendar Jens Ferner (Diplom-Jurist, hier bei Google+ und XING)
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Der Verein gegen den Abmahnwahn hat seine – nicht repräsentative – Statistik veröffentlicht. Auch wenn diese Statistik nicht repräsentativ ist, so ist sie doch nicht nur die einzige, sondern sicherlich auch derzeit fundierteste zum Thema, da auf die Meldungen u.a. über das Netzwelt-Forum zurückgegriffen wird, das man wohl getrost als das umfangreichste zum Thema Filesharing-Abmahnung bezeichnen darf.
Die Statistik ist auf den ersten Blick überraschend, immerhin wird doch das Ergebnis präsentiert, dass ein Rückgang um fast 60% bei den Filesharing-Abmahnungen im vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen gewesen sein soll. Dafür kann es gleich mehrere Gründe geben – wobei ich von hier anmerken kann, dass jedenfalls seit der 2. Jahreshälfte 2011 erheblich weniger Anfragen in diesen Dingen bei uns eingegangen sind, was sich mit ca. 50% beziffern lässt. Dieser Rückgang passt ganz gut zu den Zahlen der Statistik, ist aber natürlich auch keine Grundlage für eine seriöse Schätzung. Grund für den starken Rückgang könnten insbesondere sein:
- Die auch in der Statistik genannte verstärkte Klagetätigkeit, vor allem von Waldorf/Frommer (wohl über 1400 Klagen Ende 2011 erhoben?), was für ein Verschieben der Prioritäten gesorgt haben könnte, weg von Abmahnungen hin zu Klagen. Insgesamt wird sich in diesem Jahr zeigen, ob dies ein allgemeiner Trend ist (Zunehmende Klagetätigkeit) oder ob das aktuelle Klageniveau so bleibt.
- Ganz ketzerisch: Es ist bei mir eine Frage, ob das Netzwelt-Forum noch so aktiv genutzt wird wie früher? Ich habe jedenfalls in den letzten Monaten gefühlt sehr häufig Situationen erlebt, in denen die Betroffenen zwar einschlägige Webseiten auf Anhieb kannten, das Netzwelt-Forum aber auf Anhieb nicht zuordnen konnten. Hier ist statistisch die Frage, ob sich auf die niedrigeren Zahlen eine eventuell niedrigere Nutzerzahl durchschlägt (kann ich hier nicht beurteilen, will auch Netzwelt nichts böses, es ist eine objektive Überlegung).
- Jedenfalls ist auch mir aufgefallen, dass hier vor Ort weniger Abmahnungen von Rasch und Waldorf/Frommer vorgelegt wurden, dafür aber mehr von Fareds, WeSaveYourCopyrights und seit Ende 2011 RA Daniel Sebastian. Das könnte durchaus dafür sprechen, dass die bisher bekannten “Größen” weniger Abmahnen und sich auf Klagen konzentrieren.
- Weiterhin besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass durch die Abmahntätigkeit der letzten Jahre inzwischen spürbar mehr Menschen zumindest auf Tauschbörsen verzichten, ggfs. auf andere Dienste wie Sharehoster ausweichen (entsprechende Berichte gab es Ende 2011 ja bereits).
- Und natürlich besteht die Möglichkeit, dass sich Abmahnungen finanziell in dem bisherigen Umfang für die Rechteinhaber einfach nicht mehr rechnen und die Tätigkeit daher zurück gefahren wird. Mit der Überlegung bin ich aber solange vorsichtig, wie die Abrechnungsmodelle nicht wirklich klar sind.
Eventuell ist es ein Zusammenwirken dieser Gründe (ggfs. mit weiteren Faktoren), die diese Zahl erklären. Dabei sind die hier in der Kanzlei vorzuweisenden Erfahrung besser nicht zu verallgemeinern, da wir bei Filesharing-Abmahnungen im Regelfall nur Betroffene aus der Region Aachen/Düren vertreten und bundesweite Anfragen zwar vielfach vorkommen, aber nur selten in Form eines Mandats angenommen werden.
Ausblick
Die vorgelegte Statistik darf nicht dazu verleiten, Tauschbörsen wieder als Nutzer für illegale Aktivitäten ins Auge zu fassen! Zum einen mag ein Rückgang zumindest zu spüren sein, dennoch gibt es zum einen weiterhin regelrechte Wellen (Anfang 2012 etwa wurden auffällig viele Abmahnungen von Schalast hier vorgelegt) – zum anderen sehe ich eine klare Verschiebung bei den Tätigkeiten/”Abmahnern”: Klar “im Kommen” sind neben den “Aufsteigern” Fareds die Kanzleien WeSaveYourCopyright und RA Daniel Sebastian. Dabei geht es inzwischen im Musik Bereich vor allem um Sampler, so dass Betroffene gleich das Problem mehrere (Folge-)Abmahnungen haben. Ich gehe dabei davon aus, dass wir zunehmend bemerken werden, dass auch eBooks in den Fokus der Abmahn-Tätigkeit rutschen, hier wird aber auch viel vom Markt abhängen, insbesondere davon, wie leicht es für Verbraucher ist, ein eBook ohne DRM zu “besitzen”.
Die spannende Frage wird ausserdem sein, wie sich die Klagetätigkeit nun entwickelt – es war abzusehen, dass Ende 2011/Anfang 2012 vermehrt Klagen als Folge der Verjährungsfrist der damals gelaufenen ersten “Abmahnwellen” auftreten würden. Mit den zahlreicheren Abmahnungen aus 2008/2009 wird sich nun zeigen, ob auch mehr Klagen auftreten. Damit wird sich nun auch in grösserem Stile zeigen, ob das “Aussitzen” eine geeignete Taktik für viele Betroffene war. Dabei ist die Frage der Klageerhebung – gerade im grösseren Stil – eine Frage von erheblicher finanzieller Bedeutung für die “Abmahner” – zugleich können die aktuell laufenden Verfahren dafür sorgen, dass die dortige “Kriegskasse” für weitere Klagen gerüstet ist.
Weiterhin bin ich davon überzeugt, dass neben den immer weniger relevanten Tauschbörsen andere Plattformen verstärkt ins “Visier” rücken werden: Allen voran Sharehoster, gefolgt von Streaming-Plattformen. Ob daneben urheberrechtliche Abmahnungen auf social media Kanälen eine massenhafte Erscheinung werden, wage ich weiterhin zu bezweifeln, da ich hier (noch) zu viel Aufwand bei der Rechtsverfolgung sehe.
(Tags: abmahnung, filesharing abmahnung, Urheberrecht)



